Interview für das radioeins-Medienmagazin mit dem M100-Medienpreisträger 2011 Michael Anti in der Orangerie Sanssouci kurz vor der Preisverleihung am 08.09.2011
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Das Internet ist in China eines der am rasantesten anwachsenden Medien und Märkte. Seine Verbreitung ist zwar im Vergleich zu westlichen Ländern noch relativ unterentwickelt – nur 12,3 % aller Chinesen haben Zugang zum WorldWideWeb: Doch die Userzahlen steigen stetig. Von denen, die das Internet bereits nutzen, schreiben 20 Prozent ein eigenes Blog oder sind mit selbst gedrehten Videos auf verschiedenen Plattformen online. Auf der Route Peking – Wuhan – Shanghai – Hong Kong habe ich mich zusammen mit meinem Kollegen Jörg Wagner auf eine Spurensuche der Hauptakteure des chinesischen Internets begeben. Die Recherchen haben wir auf unserer Weltreise im Rahmen des Projektes “Die reale Reise ins Web 2.0″ gemacht. Interviews und Eindrücke, die wir nicht in unseren zwei Doku-Reportagen unterbringen konnten, die wir aber trotzdem interessant und wichtig fanden, haben wir in diesem Feature verarbeitet, natürlich gibt es auch thematische Überschneidungen mit unseren zwei TV-Reportagen. Internetcafé in Peking: Pilgerstätte für Spielfanatiker vor allem für World-of-Warcraft-Fans.
Das Hörfunkfeature „Dollarmillionäre oder Hausarrest – China und das Internet“ erzählt die erfolgreichen und tragischen Geschichten von Menschen, die mit dem Internet berufliche und persönliche Hoffnungen verbinden: Für mache von ihnen haben sich die Träume bereits erfüllt. Sie sind in China mit dem Internet Millionäre geworden. Andere sehen damit die Chance, sich kreativ auszuleben und haben im Kreis der Video-Blogger Ruhm erworben. Wieder andere, die versuchen die Medienzensur durch das Internet zu umgehen und durch das Schreiben eines Blogs eine politische Gegenöffentlichkeit aufzubauen, sind kläglich gescheitert. Sie werden verfolgt und unter Druck gesetzt.
Zum Nachhören:
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Das Feature wurde im März 2008 beim Bayerischen und Saarländischen Rundfunk ausgestrahlt.
Feature: “Von Dollarmillionären und Hausarrest”
Als wir uns in Berlin, um ein Journalistenvisum für China beworben hatten, sollten wir zunächst bei einer Tee-Audienz dem Presseattaché der chinesischen Botschaft den Grund unserer Reise schildern. Er wollte ganz genau wissen, wen wir wann und wo interviewen wollen. Doch man hatte uns geraten bei diesem Gespräch die Karten bedeckt zu halten, und nichts von unserer Spurensuche des chinesischen Internets und seinen Akteuren zu verraten. Das Internet gehört in China zu den sensibelsten Themen. Die Kommunistische Partei investiert jedes Jahr Millionen von US-Dollar in Filtersysteme und andere Kontrollmechanismen. Über 30.0000 Internetpolizisten überwachen chinesische Webseiten und verfolgen Internet-Dissidenten.
Aufseher in einem Pekinger Internetcafé.
Wir erzählten dem Presseataché also nichts von unserem Vorhaben und murmelten irgendetwas von Kulturberichterstattung. Schließlich verlangte er eine Liste mit allen technischen Geräten unserer journalistischen Ausrüstung. Wir pochten immer wieder darauf, dass sich seit dem 1.1.2007 die Gesetze Dank der Olympischen Spiele geändert hätten und wir demnach in China jeden interviewen dürften, ohne dass es vorher einer Anmeldung bedarf. Widerwillig stellte man uns die Visa aus. Unsere Profikameras sollten wir jedoch nicht mitnehmen dürfen. Dafür wollte man uns die Genehmigung nicht erteilen, mit der Begründung: wir seien nur Radiojournalisten. Wir nahmen sie trotzdem mit!
Ankunft am Pekinger Flughafen.
Wir stehen in der riesigen Ankunftshalle am Pekinger Flughafen. Alles wirkt hier perfekt durchorganisiert. Wir stellen uns an eine der zehn Reihen an, bei denen Flachbildschirme mit der Schrifteinblendung „Foreigners“ angebracht sind. „Please wait behind the yellow line.“ Es dauert nicht lange und wir stehen vor dem Sicherheitsbeamten, dem wir unsere Pässe und Visa rüberreichen. Er schaut gelangweilt zu uns auf und schiebt uns die Papiere nach einer kurzen Durchsicht wieder zurück. Er deutet auf eine Tastatur hin, die am Kontrolldesk angebracht ist: „Sie wurden schnell und freundlich bedient“, „Sie wurden schnell bedient“, „Sie mussten warten“, „Sie wurden unfreundlich bedient und mussten lange warten“. Das sind die Optionen zwischen denen wir wählen sollem. Wir drücken den Knopf: „schnell bedient“ und werden durchgewunken. Niemand fragt uns nach unserem Equipment, geschweige denn, was wir vorhaben, wohin wir wollen. Wir haben mit allem gerechnet, nur nicht damit, dass wir die Arbeit unseres Kontrollbeamten offenbar für den sozialistischen Wettbewerb beurteilen dürfen.
Peking im Industriesmog versunken.
In Peking ist der Sitz der Firma „3G CN“, des Marktführers bei internetbasierten WAP-Inhalten für Handys. WAP – kurz für Wireless Application Protokoll – bezeichnet die Technologie, mit der man Internetseiten auf Mobiltelefonen abrufen kann. 3G, drei G, steht für das Mobiltelefon der dritten Generation, mit dem man nicht nur einfach telefonieren, SMS, Fotos und E-Mails verschicken, sondern auch auf speziellen Seiten im Internet surfen und Fernsehen anschauen kann.
Ein chinesischer Polizist beim Telefonieren.
Die Multimedia-Handys sind in China der Trend. Von 455 Millionen chinesichen Handybesitzern nutzt bereits ein Drittel den multimedialen WAP-Dienst. Wir fahren mit dem Taxi zum Hauptquartier der Firma 3G CN, in die Innenstadt, ins Universitätsviertel Haidian. Auf den mehrspurigen Autobahnen rauschen gigantische, Gebäude an uns vorbei, eines protziger als das andere. Man könnten denken, sie sind die neuen in Beton und Glas beronnenen Wahrzeichen einer mit ihren Muskeln protzenden Weltmacht. Viele der traditionellen chinesischen Häuser mit den geschwungenen Dächern, die aneinander gereiht in den für Peking typischen engen Gassen standen, mussten der neuen Architektur weichen. Das Taxi hält schließlich vor einem Wolkenkratzer, dem TriTower.
Er hat nichts dagegen, dass ich ihn dabei filme.
Wir fahren mit dem Fahrstuhl in den 21. Stock. Dort begrüßt uns freundlich die Empfangsdame von 3G und führt uns in einen Konferenzraum mit großen Fenstern. Von hier oben sieht man erst wie dicht der Industriesmog den Himmel über Peking bedeckt. Die Gebäude der gegenüberliegenden Strassen sind nur in Umrissen zu erkennen. Doch Oh Wunder hier gibt es eine Heizung, was in Peking eher selten vorkommt.
Lei Wang, CEO der Firma 3G.
Ein junger Mann mit einer flauschigen Igel-Frisur, in Krawatte und Anzug, kommt zur Tür herein und streckt uns die Hand entgegen „Lei Wang“, stellt er sich vor. Er ist der Chef von 3G. Wir schätzen ihn auf Anfang 30. Das Durchschnittalter seiner Mitarbeiter dürfte noch niedriger sein. Das sei kein Zufall lässt er uns über seinen Übersetzer erklären 90% seiner Kunden sind unter 30, die Hauptnutzergruppe, die seinen WAP-Dienst nutzt sei zwischen 19 und 25 Jahren alt. Wir fragen Lei Wang, was die Gründe für die steigenden Zuwachsraten für WAP-Dienste sind: “Es gibt von der Masse einfach so viele User. Die meisten wissen jedoch nicht, wie ein PC funktioniert oder können sich keinen leisten, aber alle Handys nach 2000 sind mit WAP-Funktion ausgestattet. Die Mobilfunkanbieter vermarkten WAP sehr stark, haben viele coole Sachen auf ihren Webseiten und haben die Preise gesenkt.“
Ich interviewe gerade Lei Wang mit Hilfe eines Übersetzers.
Der Preis für ein normales Monats-Abo liegt bei 20 RMB, das sind 2 Euro. Auf Grund der geringeren Gehälter in China ist dies eher teurer als in Deutschland mit rund 5 Euro monatlichen WAP-Kosten. Doch offenbar sind es die „coolen Seiten“, die den PC-Ersatz so attraktiv machen. Spitzenplätze nehmen Nachrichten und digitale Bücher ein. Am beliebtesten sind phantastische Erzählungen wie „Herr der Ringe.“ Aber auch von Usern selbst geschriebene Romane sind im Kommen. Dennoch ist die Frage, warum soll man mit seinem Handy ein Buch lesen, wenn man auch bequem ein normales Buch lesen könnte. „Es ist bequemer Geschichten mit dem Handy zu lesen. Das Handy hat man doch immer und überall dabei. Wenn man lesen möchte, ist es einfacher jederzeit und an jedem Ort die Inhalte runterzuladen“, sagt Lei Wang.
Ein Videoblog über unseren Besuch bei 3G, produziert von unterwegs.
Das Lesen der filigranen chinesischen Zeichen auf einem kleinen Handy-Display scheint keine Probleme zu bereiten. Lei Wang holt sein Handy aus der Hosetasche und gibt uns eine kleine Vorführung. Auch Fernsehen kann man diesem High Tech Mobilfunkgerät. Doch das Abrufen von TV-Inhalten und Musikvideos ist noch nicht soweit verbreitet, sagt Lei Wang. Den richtigen Durchbruch für das Handy TV erhofft er sich durch die Olympischen Spiele, mit einem eigenen olympischen Handy-TV- Kanal. „Wir sind die ersten die einen Olympischen Kanal gestartet haben, mit Nachrichten und Vorberichten zu den Olympischen Spielen.“
Blick aus dem Fenster des Konferenzraumes von 3G: Smoggggggg everywhere!
Wir verabschieden uns und machen uns auf zu unserer nächsten Verabredung nach Wuhan, in die Hauptstadt der Provinz Hubei, ungefähr 3 Flugstunden von Peking entfernt. Der Abschied von Peking fällt uns nicht schwer, die bleierne Smogdecke, hat uns die letzten Tage ein wenig depressiv gemacht.
Die Internetmillionären Ailin Gräf.
In Wuhan sind wir mit der Deutsch-Chinesin Ailin Gräf verabredet. Sie machte international Schlagzeilen, weil sie im Onlinespiel „Second Life“ eine Million Dollar verdiente. Sie ist damit die erste Second-Life-Millionärin im First Life, dem richtigen Leben. Second Life – das zweite Leben – ist eine dreidimensionale Computer-Plattform im Internet, auf der sich jeder seine eigene virtuelle Welt gestalten und sich in ihr bewegen kann. Dazu gehört auch das Gestalten einer eigenen Online-Identität, Avatar genannt. Für die meisten ist es eine Flucht vor ihrem ersten Leben. Andere verwirklichen darin ihre Träume. Wie auch Ailin Gräf.
Wuhan by night…
Wir tauchen zunächst in die wirkliche Welt von Wuhan ein. Erneut sind wir umgeben von einem Smog-Gemisch aus bitterem Industrienebel und kaltem Nieselregen. Im Vergleich zu Peking erscheint in Wuhan alles eine Nummer bescheidener. Die Häuser sind nicht ganz so hoch und protzig. Der Umgang mit den Menschen ist weniger umständlich, wir haben das Gefühl, wir können uns hier irgendwie besser verständigen.
Ailin Gräf alias Anshe Chung kommt uns entgegen.
„Anshe Chung Studios“ lesen wir auf dem Türschild im 12 Stock eines modernen Hochhauses im Zentrum Wuhans und treten ein. In einem großen unbeheizten Zimmer mit kahlen weißen Wänden angestrahlt von einem grellen Neonlich sitzen rund 50 junge Chinesen und Chinesinnen in dicken Pullovern und Annoraks vor schwarzen Flachbildschirmen. Eine zierliche hübsche Frau, mit langen schwarzen Haaren, in einem eleganten schwarzen Lederkostüm geht auf uns zu. Sie stellt sich in einem gebrochenen Deutsch mit Ailin Gräf vor.
In den Büroäumen von Anshe Chung Studios hängt ein Artikel über Ailin Gräf aus der Zeitschrift Business-Week.
An der Wand hängt ein Titelbild der US-amerikanischen Zeitschrift Newsweek mit einem Foto von ihr und der Überschrift „Virtuelle Welt –echtes Geld“. Mit ihrem Avatar Anshe Chung erschuf sich Ailin Gräf nicht nur eine zweite Identität, sondern auch chinesische Landschaften und Dörfer. Sie sehnte sich nach ihrem Heimatland China. Zu dieser Zeit lebte sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern noch in Heidelberg. Sie fand in Second Life eine neue Welt, in der sie alle ihre Sehnsüchte verwirklichen konnte. Neben chinesischen Tee- Häusern, erschuf sie Inseln, sogar ganze Kontinente, die sie „Dreamland“ nannte. Mitspieler wurden auf Dreamland aufmerksam und wollten ihre Inseln, Immobilien, Wälder kaufen und bezahlten dies mit der Secondlife Währung Linden-Dollar.
Auf dem Bildschrim entstehen virtuelle Welten.
Irgendwann hatte Ailin Gräf so viele Linden-Dollar verdient, dass sie das virtuelle Geld in US-Dollar zurücktauschen wollte und mit einem Schlag eine Million US-Dollar auf ihrem Konto hatte. Was als Spiel begann entpuppte sich als lukrative Marktlücke. „Ich denke damals habe ich damit nicht gerechnet, aber jeder Mensch hat Potentiale und Fähigkeiten. Es ist einfach so gekommen. Jeder Mensch hat auch Träume im Leben. Für mich ist es auch so, im echten, im First Life, manche Sachen, auch durch physikalische Einschränkungen, nicht verwirklichen können, zum Beispiel auch was wir gemacht haben, dieses „Dreamland“, diese chinesische Landschaft, das man einfach viele Idee verwirklichen können.“
Unternehmerin Ailin Gräf hat selbst mal virtuelle Welten am PC entworfen.
Sie zog von Tübingen in ihre chinesische Heimatstadt Wuhan. Aus Anshe Chung wurden die Anshe Chung Studios ein Software-Unternehmen mit 50 Mitarbeitern, billige und ausdauernde Arbeitskräfte, steuerlich unterstützt durch den chinesischen Staat. Unter Anleitung von Ailin Gräf programmieren sie zuerst Gittermodelle und dann täuschend echte, fast fotorealistischen 3D-Welten. Unter den Kunden auch das Bundesland Baden-Württemberg, das sich in Secondlife eine eigene Repräsentanz erschaffen lässt. In einem virtuellen Miniatur-Dorf sollen Seconlifespieler auf landeskundliche Entdeckungsreise gehen und sich zum Beispiel auch ein klassisches Reetdachhaus anschauen können. In Arbeit auch Schloss Heidelberg innerhalb von ein paar Tagen detailgetreu nachgebaut. Ailin führt uns stolz durch ihre Büroräume. Wir bleiben vor einem Bildschirm stehen, an dem eine Junge Chinesin, Anfang 20 sitzt, und konzentriert einen Canapé in der Form einer eleganten Damensandalette entwirft.
Das Durchschnittsalter ihrer Mitarbeiter liegt bei Anfang Zwanzig.
Das virtuelle Möbelstück ist auch auf „Secondlife“ zu erwerben in Alin´s eigenem virtuellen Möbelshop. Ein Doppelklick genügt und es öffnet sich ein Fenster mit dem Buttom „Buy“. Ein weiterer Click genügt und man hat den virtuellen Cannapé gekauft, um zum Beispiel die eigene Luxusvilla unter Palmen auf einer abgelegenen Insel damit einzurichten. Das kann süchtig machen, erzählt uns Ailin Gräf: „Ich habe auch tatsächlich noch Spieler kennen gelernt, die auch mehr Zeit im Seconlife verbracht haben als im echten Leben. Aber ich verzichte nicht auf mein echtes Leben. Ich gehe auch an die frische Luft und gehe auch spazieren, dass ich nicht einfach nur in dieser Computerwelt bin. Ich meine, dass hat auch Reiz sicher, aber das ist nicht nur der einzige Teil meines Lebens.“
Die Internetmillionärin kann auch das echte Leben genießen….
Ailin verdient inzwischen soviel Geld, dass sie sie sich ihre Träume im echten Leben verwirklichen kann. Wir begleiten sie in ein traditionelles chinesisches Teehaus. Hier kommt sie her, wenn sie Entspannung sucht. Wir betreten einen Raum, in dem Tische und Stühle aus dunklem edlem Holz und kunstvollen Schnitzereien separate Sitzecken bilden. Rote Lampinions hängen von der Decke, Orchideen schmücken den Raum. Ein attraktives junges Mädchen mit rot lackierten Fingernägeln kommt zu uns an den Tisch. Sie ist unsere Teeserviererin. Die Zeremonie beginnt: mit tänzerischen Handbewegungen nimmt sie jede kleinen Tassen einzeln in die Hand und schwingt sie in der Luft wie einen Fächer während sie dabei einen Gebet spricht.
… zum Beispiel den Besuch in einem traditionellen chinesischen Teehaus.
Dann nimmt sie eine kIeine Schaufel aus dunklem Holz zwischen ihre zierlichen Finger, mit der sie nach und nach die losen Blätter des grünen Tees aus einer Schachtel pickt. Sie gießt dampfendes Wasser in die Teekanne mit den losen Blättern. Es duftet aromatisch. Den zweiten Aufguss dürfen wir trinken. Eine angenehme Ruhe erfüllt uns und macht sich im ganzen Raum breit. Auch Ailin Gräf scheint diese Zeremonie zu genießen. Angesichts dieser Sinnlichkeit fragen wir sie, ob es nicht viel schöner im echten Leben ist? Sie erzählt uns, dass für sie manchmal die Grenzen zwischen Second und First Life verschwimmen. Dann kommt wieder die tüchtige Geschäftsfrau in ihr durch und sie antwortet als würde sie darüber nachdenken, wie sie auch in Zukunft Millionen verdienen kann:„Die Technik ist heutezutage noch nicht so weit, dass man sagen kann, dass man im Second Life auch Tee trinken kann, aber wer weiß.“
Videoblog über den Besuch bei Ailin Gräf alias Anshe Chung, produziert von unterwegs.
Unsere nächste Station ist Shanghai. Die zweitgrößte Stadt Chinas mit 16 Millionen Einwohnern, wirkt sehr futuristisch mit Wolkenkratzern und Türmen, die alle so aussehen, als seien sie von Schriftstellern utopischer Literatur entworfen. Ein Haus erinnert an ein USB-Stick, ein anderes an eine zukünftige Pumpstation auf dem Mars. Dazwischen sehr europäische, konventionelle Bauten. Die auch in Paris oder Wien stehen könnten.
Shanghai after work…
Wir treffen die Gründer Chinas erfolgreichster Videoplattform im Internet „Toudou“, das chinesische Pendant von YouTube. Der Holländer Marc van der Shijs und sein chinesischer Kompagnon Gary Wang erwarten uns in der Zentrale von Tudou, in einem modernen röhrenförmigen Loft. An den Außen und Innenwänden leuchten farbenfrohe Graffitis und versprühen eine kreative Atmosphäre. Marc van der Shijs, ist 34 Jahre alt, mit einer Chinesin verheiratet und lebt seit 7Jahren in China. Der ehemalige Daimler-Chrysler-Manager verdient heute sein Geld ausschließlich mit dem chinesischen Internet: ihm gehören neben Tudou, eine Dating-Webseite und eine Online-Gaming-Firma. Gary Wang hat in Amerika Informatik studiert und ist knapp über dreißig.
Der Holländer Marc van der Shijs und sein Geschäftspartner Gary Wang von Tudou.
Für das Interview klettern wir auf das Dach des Gebäudes. Von oben bietet sich eine seltsame Kulisse: der Nebel klebt wie ein nasser Schleier zwischen den hässlichen Wolkenkratzern am Horizont. Direkt vor uns liegt ein Häusermeer aus kleinen Steinhütten mit grauen Dächern. Wir blicken auch auf einen Schulhof auf dem, 20 Kinder in Reih und Glied stehen und offensichtlich den sozialistischen Fahnengruß zu begehen. Gary Wang erzählt uns, die Idee für eine Videoplattform kam den beiden beim Golfspielen vor drei Jahren sogar noch bevor es YouTube überhaupt gegeben hat. “Es lief bei uns wie bei den meisten Start-Ups. Wir dachten: Hey das hört sich irgendwie cool an. Eine Marktanalyse haben wir vorher nicht gemacht, schließlich gab es so etwas Vergleichbares noch nirgendwo auf der Welt. Also haben wir einfach losgelegt.”
Die beiden Geschäftsleute auf dem Dach ihres Büros.
Doch was macht Toudou in China erfolgreicher als YouTube fragen wir Marc van der Shijs: “Der größte Unterschied ist, dass Tudou ein komplett chinesisches Portal ist. Alles ist auf Chinesisch und es ist auch nichts auf English. (Cut) Ausländische Firmen, die in China tätig sind, machen öfters den Fehler, dass sie versuchen die englische Webseite zu übersetzen und dann eins zu eins zu kopieren. Das funktioniert nicht. Mann muss eine Webseite machen, die nur für China gut ist. Die Webseiten sehen hier auch ganz anders aus, sind viel mehr mit Farben, sind viel beweglicher.”
Eingang zu den Büroräumen von Toudou.
„Tudou“ heißt auf Mandarin Kartoffel, analog zur „Couch Potato“, die nun nicht mehr vor dem Fernseher hockt, sondern kleine Videofilme auf dem Computerbildschirm anschaut. Rechts oben auf der Internetseite tudou.com blickt einen eine orangefarbene Maske an – das Logo von Tudou und Sinnbild für Darstellende Kunst in China. „Jeder ist Regisseur des eigenen Leben“, steht in chinesischen Schriftzeichen daneben. Außer politischer Videos, in denen das Regime kritisiert wird und Clips mit pornografischen Inhalten sind Videobloggern keine Grenzen gesetzt. Die meisten Videos, die Benutzer auf Todou hochgeladen haben, sind keine Amateurvideos, sondern , besonders beliebt sind zum Beispiel Ausschnitte aus populären Serien und Musikvideoclips vor allem koreanischer Popstars. Doch auch der „user generated content“, Amateurvideos, die Benutzter von sich und ihrer Umwelt gedreht haben, nimmt zu.
Screenshot aus dem Internet: Die Internetseite Tudou.
Besonders beliebt sind selbst gedrehte Karaoke-Videos oder Clips, in denen User tanzen. Die neuen Medien haben auch in China einen kulturellen Wandel bewirkt. Die Scheu, sich von der Masse abzuheben und sich öffentlich darzustellen, sei vor allem bei der jungen Generation überwunden erklärt, Gary Wang. Im Vergleich zur westlichen ist die chinesische Kultur vielleicht ein bisschen introvertierter, aber die neue Generation und ich denke vor allem an alle nachkommenden Generationen nach der Einführung der Ein-Kind-Politik in den 80iger Jahren sind viel individualistischer, extrovertierter und haben kein Problem sich zu präsentieren. Ich glaube, dass dieser Trend anhalten wird und vielleicht sind sie in ein paar Jahren sogar individualistischer als ihre Altersgenossen in westlichen Ländern.
Screenshot aus dem Internet: User generated content auf Tudou, Videos, die Internetuser selbst produziert un dauf die Seite gestellt haben.
Anders als bei YouTube entscheiden die User selbst, welche Videos “gefeatured”, also auf die erste Seite kommen. Unter den Videos mit den höchsten Bewertungen sind auch immer Pannenvideos, oder Videos, mit lustigen Inhalten. Was in China als komisch empfunden wird, das ist für den Holländer Marc van der Shijs, Mitbegründer von Todou, ganz klar eine kulturelle Geschmacksfrage. Für ihn ein Grund, warum die anglo-amerikanisch dominierte Video-Archiv-Seite YouTube in China nicht erfolgreich ist. Die Kulturunterschiede kann er an sich selbst beobachten: “Der Humor ist ganz anders, viele Dinge, die man hier anschaut, also ich finde, die nicht unbedingt komisch. Es sind viele Filme, die sehr populär sind in China, die ich überhaupt nicht interessant finde. Wobei wenn ich YouTube-Filme anschaue, dann denke ich: hey, die sind echt gut. Humor, den man in China viel sieht, sind Leute, die einen Unfall haben oder so, über solche Dinge wird viel gelacht hier. Oder es ist Humor, den man in Europa vielleicht in den 50iger, 60iger Jahren gut gefunden hat.”
Screenshot aus dem Internet: Das Logo von Tudou . Eine Maske.
Das Videoportal Tudou soll sich in den nächsten Jahren ganz durch Werbung finanzieren. Bevor ein Video beginnt sollen 8 bis 10 Sekunden lange kommerziell Werbespots gezeigt werden. Bei rund 55 Millionen angeklickten Videos pro Tag könnte das ein lukratives Geschäft werden. Doch ist die Zahl der Werbekunden noch nicht gewinnbringend. Die Unternehmer konzentrieren sich vor allem auf eines: ihre Marktführerposition zu behaupten: “Unser einziges Ziel ist es im Moment zu wachsen. Man kann nur wirklich Geld in China verdienen, wenn man die größte Webseite in China ist. Das sind wir jetzt auch, aber wir möchten noch weiter wachsen. Nur die absolute Nummer 1 kann sehr viel Geld verdienen in diesem Land.” Wachsen, heißt für Tudou vor allem, dass immer mehr Leute ihre Videofilme auf Tudou hochladen und anschauen. Bisher scheint das Konzept für die Tudou-Gründer Marc van der Shijs und Gary Wang aufzugehen: Laut Nielson Rating ist Tudou.com heute eine der am schnellsten wachsenden Internetseiten im gesamten Worldwideweb. Aus dem ehemaligen Garagen-Internet-Start-up ist ein Internetunternehmen mit rund 40 Mitarbeitern geworden, Auf ein Milliarden Übernahme-Angebot von Google warten die Gründer erst gar nicht. Sie verlassen sich lieber auf das eigene Gespür für den chinesischen Internetmarkt.
Eddie Xu, Videokünstler aus Shanghai, postet seine Videos regelmäßig auf Tudou.
Kommerzielle Gedanken machen sich der 29jährige Feng Lui und der Videokünstler Eddi Xu nicht. Beide sind mit ihren Videos auf Tudou vertreten und haben die meisten Zuschauer. Wir treffen sie in einem Internetkaffee im Zentrum Shanghais. Während Feng uns sein in schwarzweiß gehaltenes, sehr temporeiches Video vorspielt, formen sich seine Lippen im Rhythmus der Musik. Es zischt aus seinem Mund wie aus einem Lautsprecher. Eine Fähigkeit, die Hiphopper Beatbox nennen. In schnellen Schnitten, mit Split-Screen und effektvollen Überblendungen sieht es sehr professionell aus. „Ich habe zum Frühlingsfest einen Film gedreht über die Hiphop-Kultur unter den jungen Leuten und bin für dieses Projekt nach Nordchina gegangen. Dort gibt es eine kleine Stadt, die ist nur ungefähr 40 km2 groß, aber man findet hier die beste Hiphop-Kultur Chinas. Ich will diese Kultur weiter bekannt machen. Dieser Film ist wahrscheinlich nicht der erste dieser Art. Aber es ist das erste Dokument bei tudou.“
Eddie Xu überlistet die Realität durch Videomontage.
Eddie Xu, genannt Didi, verblüfft sein Publikum mit Zaubertricks, die er mit der Kunst des Videoschnitts verwirklicht. Für ihn ist das eine Möglichkeit aus dem stressigen Großstadt-Alltag Shanghais auszubrechen:„Shanghai hat einen sehr schnellen Rhythmus. Man lebt hier, arbeitet hier, hat keine Zeit für Phantasie. Ich möchte die Menschen zur Kreativität anregen.“ Ich will in den Videos meine Sehnsüchte ausleben und die unmöglichsten Sachen wahr werden lassen. So versuche ich z. B. in meinen Videos auf verschiedene Art und Weise ein Getränk zu vermehren. Wie im Cartoon-Film, hat man die Gelegenheit etwa zu tun, was in der Realität nicht geht.“
Wir laufen mit Didi durch die Haupteinkaufstrasse Shanghais, die „Nanjing Lu“. Gerade hier wird uns klar was den 23jährigen Schnittkünstler dieses Bedürfnis nach seiner eigenen verzauberten Welt so sehr verspüren lässt. Wir sind umzingelt von einem flammenden Inferno bunter Leuchtreklamen. Eine 20 Meter große Coca Cola-Flasche blinkt besonders penetrant vor sich hin.
Konsumfreiheit bedeuet nicht gleich Meinungsfreiheit…
Kritik an Staat und Gesellschaft sind in China nur dann erlaubt, wenn das Ministerium für Propaganda dies zulässt. Chefredakteure erhalten in regelmäßigen Abständen ein Dossier, auf dem sie lesen, welche Themen tabu sind und wie weit sie bei anderen mit der Kritik gehen dürfen. Gelenkte Kritik. Der staatlichen Kontrolle können sich nur noch Blogger entziehen, deren Zahl auf ca. 34 Mio. geschätzt wird. Für politische Aktivisten ist das Internet der einzige Weg, um sich Gehör zu verschaffen. Man spricht auch von Tiananmen 2.0. Zeng Jinyan, Aidsaktivistin, hat es geschafft mit ihren bissigen Blog über Hausarrest in China internatonal Aufsehen zu erregen. Das Time Magazine hat sie kürzlich zu den 100 einflussreichsten Personen des Jahres gewählt. Eleni Klotsikas und Jörg Wagner haben die in Peking lebende Aidsaktivistin in Hong Kong interviewt.
Hong Kongs Skyline by night mit Lasershow!Der absolute Wahnsinn…
Sonderverwaltungszone Hong Kong, Überfahrt mit der Fähre zur Insel Lamma Island, entlang einer sehr beeindruckenden Wolkenkratzer-Skyline, die jeden Abend ein imposantes Licht- und Laser-Schauspiel bereit hält. Doch nicht touristische Attraktionen führten uns hierher. Hong Kong ist in der Volksrepublik China eine Medienoase. Die fast 100jährige britische Kronkolonie-Zeit ist auch zehn Jahre nach der Wiederveinigung mit China gerade hier besonders spürbar. Die Pressefreiheit ist formal und realtiv größer als im übrigen Land. Das Internet wird nicht gefiltert. Der eMail-Verkehr funktioniert normal und auch das Internetlexikon Wikipedia kann man störfrei nutzen. Anders als im übrigen China, wo tausende von Zensoren täglich Seiten sperren und eMails abfangen.
Die kleine Fischerinsel Lamma Island, beliebtes Urlaubsziel in Hong Kong.
Wir erreichen nach rund einer halbe Stunde, den Zufluchtsort von Zeng Yinyan aus Peking. Sie ist 23 Jahre alt und hat zusammen mit ihrem Mann Hu Jia die Organisation „Loving Source“ gegründet, um aidskranken Menschen in abgelegenen Dörfern Chinas zu helfen. Viele Aidakranke haben sich durch den Verkauf ihres Blutes angesteckt. Ein lukratives Geschäft, an denen Provinzbehörde, wie in die Henan beteiligt sind. Für arme Bauern ist das eine kleine Einnahmequelle. Da die Hygienevorschriften bei der Blutabnahme nicht immer eingehalten wurden, haben sich hunderttausende Bauern mit HIV infiziert. Ein Skandal, über den man in chinesischen Medien nicht gern berichtet.
Politische Aktivistin Zeng Jinyan schreibt an ihrem Blog.
Zeng Jinyan hat diese Themen im Internet veröffentlicht:„Meine Sorge gilt den Betroffenen. Ich möchte ihre persönlichen Geschichten erzählen. Ich hoffe, dass dadurch auch viele Nicht-Betroffene darauf aufmerksam werden, und verstehen was diese Menschen tagtäglich durchmachen. Sie wünschen sich ein besseres Leben für die Zukunft und wir sollten sie dabei unterstützen) Deswegen blogge ich darüber.“
Auch ihr Mann, der Menschenrechtsaktivst Hu Ja, ist im Netz aktiv.
Im vergangenen Jahr ist ihr Ehemann Hu Jia für mehrere Wochen in einem illegalen Gefängnis eingesperrt gewesen. Über das Internet hat sie eine Pressekonferenz für ausländische Journalisten organisiert. Nach seiner Freilassung wurden er und Zeng Jinyan immer wieder unter Hausarrest gestellt. Von seinem Fenster aus hat Hu Jia gefilmt, wie sie Tag und Nacht von Zivilpolizisten bewacht werden und hat daraus einen Dokumentarfilm gemacht.
Zeng Jinyan beim Interview.
Zeng Jinyan hat alle ihre Erfahrungen in ihrem Blog verarbeitet. “Es passiert meist folgendermaßen: Morgens, wenn wir das Haus verlassen, dann warten meist schon viele Leute unten im Hausflur. Es sind häufig muskulöse Männer, und wenn mein Mann Hu Jia oder ich an ihnen vorbei laufen möchten, dann stoppen sie uns und sagen, wir hätten heute nicht das Recht dazu das Haus zu verlassen und wenn wir fragen wieso dann bekommen wir meist keine Antwort, sie zeigen uns auch nicht wer sie sind und weisen sich aus. Sie sagen uns auch nicht, wie lange der Hausarrest gilt. Alles was sie sagen ist: wir haben eine Anweisung von unserem Boss.”
Zeng Jinyan zeigt mir ihr Blog.
Natürlich ist Zeng Jinyans Blog wie auch viele andere regimekritische Internetseiten in China geblockt. Doch inzwischen gibt es bestimmte Software, wie zum Beispiel Freegate, mit der Blogger in China die Blockaden ihrer Seiten umgehen können. Bisher hat es das Ministerium für Propaganda in China nicht geschafft, die Blogger mundtot zu machen. „Seitdem wir das Internet haben, stehen wir Aktivisten alle in ständigem Kontakt. Via E-mail, Skype, Msn oder Blog.“
Videoblog über die Begegnung mit Zeng Jinyan und Hu Ja auf Lamma Island.
Die Öffentlichkeit, die sie international, mit ihrem Blog geschaffen hat, ist das einzige Druckmittel, das sie hat, um nicht wie viele andere politische Aktivisten auch eines Tages im Gefängnis zu landen. Dafür nimmt sie ein Leben mit ständiger Verfolgung in Kauf.
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Das Schicksal der jungen chinesischen Bloggerin Zeng Jinyan und ihres Mannes Hu Jia hat mich auch nach der Weltreise weiter beschäftigt. Zurück in Deutschland angekommen hörte ich von einer Freundin, dass Hu Jia und Zeng Jinyan sofort wieder unter Hausarrest gestellt wurden, nachdem sie von Lamma Island nach Peking zurückgekehrt sind. Dann las ich eine Nachricht, die mich etwas hoffnungsvoll stimmte: Hu Jia und Zeng Jinyan wurden für den EU-Menschenrechtspreis nominiert. Doch die traurige Meldung ließ nicht lange auf sich warten. Hu Jia hatte per Videochat an einer Anhörung des Menschenrechtsunterausschusses des Europäischen Parlaments teilgenommen und wurde einen Monat später wegen „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ festgenommen. Zeng Jinyan, sowie die inzwischen zur Welt gekommene kleine Tochter wurden unter Hausarrest gestellt. Wenig nützte es, dass Hu Jia ein Jahr später den EU-Menschenrechtspreis dann auch tatsächlich zuerkannt bekommen hat. Im April 2008 wurde Hu Jia wegen „umstürzlerischer Machenschaften“ zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Seidem sitzt er im Gefängnis.