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Texte zum Thema ‘Brasilien’

Embedded „Military“ oder brasilianischer „D-Day“

Dez 13

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Audio: Bericht im radioeins-Medienmagazin vom 11.12.2010

Gebauter Beitrag für den Deutschlandfunk (Sendung Eine Welt)

Bericht für die Deutsche Welle

Artikel in der Berliner Zeitung



Ein Sonntagsspaziergang durch Salvador da Bahia de todos os Santos

Okt 18

Der Beitrag lief im Januar 2009 im Deutschlandfunk in der Sendung “Sonntagsspaziergang”. Redaktion: Andreas Stopp, Autorin: Eleni Klotsikas

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Salvador da Bahia ist die drittgrößte Stadt Brasiliens. Die 2,8 Millionen Einwohner große Küstenmetropole im nordöstlichen Bundesstadt Bahia hat auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz so viele Superlative zu bieten wie Rio de Janeiro oder Sao Paulo. Kulturell und geschichtlich gesehen gehört sie ohne Zweifel zu den interessantesten Städten Brasiliens. „Sao Salvador da Bahia de Todos os Santos“, so der vollständige Name, was  zu deutsch: „Der Heilige Retter der Bucht Aller Heiligen“ heißt,  wurde 1549 vom portugiesischen Generalgouverneur Tomé da Suza zur ersten Hauptstadt Brasiliens erklärt und behielt diesen Status über 200 Jahre lang.

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Salvador war nicht nur das Einfallstor für die Kolonialisten, die in der Stadt zahlreiche architektonische Denkmäler hinterließen. In Salvador kam auch der größte Teil der über 5  Miollionen Afrikaner an, die als Sklaven nach Brasilien verschleppt wurden, um auf den Zuckerplantagen zu arbeiten. Dies prägt den Charakter der Stadt bis heute. Salvador ist das „schwarze Brasilien“, das Zentrum afro-brasilianischer Kultur.

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Geprägt hat das auch die Musikszene der Stadt. In Salvador spielt sich jedes Jahr der größte Straßenkarneval der Welt ab. Als innovatives Musikzentrum Brasiliens hat Salvador Sao Paulo und Rio  den Rang abgelaufen. Im Januar 2008 bin ich in diese trommelnde und singende Metropole eingetaucht.

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Jeden Dienstag und Sonntag in der Vorkarnevalszeit wenn die Sonne untergeht verwandeln sie das barocke Altstadtviertel in ein einzigartiges Trommelfeuer. Die Percussionistengruppen, „Blocos Afros“ genannt mit ihren “Ensaios”, ihren öffentlichen Konzertproben, ziehen durch die bunten Gassen der Altstadt und fordern die herumstehende Menschenmasse zum Mitsingen und Tanzen  auf:  “E canta, canta Salvador, canta, canta, canta meu amor, canta, canta Olodum do Pelô.”

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Die bekannteste von ihnen, die Gruppe Olodum hat es sogar zu Weltruhm gebracht und dem schwarzen Bevölkerungsanteil ihr Selbstbewusstsein wiedergegeben. Das zu zerfallen drohende Altstadtviertel Pelourinho war plötzlich Magnet für Touristen aus aller Welt. Heute ist es komplett restauriert und steht unter UNESCO- Weltkulturerbe. Von seiner dunklen Vergangenheit keine Spur mehr.

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Kaum zu glauben, dass hier in Pelourinho, von den Einwohner liebevoll “Pelo” genannt,  noch vor 150 Jahren die Sklaven öffentlich ausgepeitscht wurden. “Pelo” war einst der zentrale Sklavenmarkt Bahias.

Während ich mich in das Getümmel der Altstadt stürze bin ich plötzlich von einer Reihe von Trommlern umgeben. Mein erster Gedanke ist, mein Trommelfell wird platzen. Doch dann beginnt mein Herz in einem anderen Rhythmus zu schlagen, im Axé Rhythmus. Ich fühle mich quicklebendig und bin neugierig auf diese Musik und was sie erzählt.

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Die Kraft der Atabaque-Trommel lässt einen Orixa, einen von vielen afrikanischen Gottheiten erscheinen, heißt es.  Die Anhänger der afro-brasilianischen Religion Candomblé glauben, dass sich die Orixa-Gottheiten in den Körpern ausgewählter Menschen materialisieren. Blocos Afros wie Olodum gingen also in die Terreiros, in die vielen Candomblé-Kultustätten, von denen es in Salvador unzählige gibt, und ließen sich von der Musik inspirieren. Also war mir klar, ich musste unbedingt ein Terreiro besuchen!

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Ich stehe auf einem asphaltierten Areal, dessen Mitte ein in Schiffsform gebauter Tempel einnimmt. Es sieht aus, als sei mitten auf dem glühend heißen Asphalt ein Schiff gestrandet. Geschmückt ist das weiße Tempelschiff mit der blau bemalten Umrandung mit silbernen, weißen, goldenen und gelben Vasen. Über allem thront auf einer dünnen, schmucklosen Säule ein kleiner weißer Schwan aus Ton. Der Tempel gehört zur Casa Branca, das älteste Terreiro Salvadors. Hier finden jeden Sonntagabend  Zeremonien statt.

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Die glühend heiße Mittagssonne – so scheint es – lässt sogar die Grillen in den Bäumen laut aufschreien. Schließlich steigt eine ältere Frau mit tiefschwarzer Hautfarbe, kurzen Haaren, in einem weißen zerschlissenen Baumwollkleid die Stufen zum Tempelschiff hinab. Gott sei Dank, denn die brennende Mittagssonne bringt jede noch so kleine Gehinaktivität zum Erlahmen. Der weiß gestrichene Raum wird durch mehrere Wandsäulen getrennt, an der Hauptsäule hängt ein gemaltes Bild, auf dem ein schwarzer Mann mit nacktem Oberkörper und verzweifeltem Gesichtausdruck eine Doppelaxt in die Luft hält. Blickfang bildet um die Säulen herum eine Anordnung von auffälligen Holzstühlen. Keiner sieht aus wie der andere. Die Stühle erinnern mit ihren aufwändigen Schnitzereien und großzügigen Armlehnenan an Throne.

„Die Stühle sind für die Orixas“, erzählt die Frau des Terreiros. Sie ist die Enquedi, eine Haushälterin im Terreiro. „Es dürfen nur  Personen darauf sitzen, die einen Grad im Candomblé erlangt haben und den Geist eines Orixas empfangen können. Jeder Orixa hat seinen eigenen Stuhl. Das hier ist der Stuhl von Ogun, der weiße ist für Oxala, dem Vater aller Orixas, alles was zu ihm gehört ist weiß.” Jeder Orixà hat verschiedene Charaktereigenschaften, Stärken und Schwächen, die sich auf uns Menschen übertragen, erzählt sie weiter. Im Candomblé gilt jeder Mensch als Nachkomme eines bestimmten Orixa. Doch nur Auserwählte können zu seinem Medium werden. In ihren Körpern offenbart sich der Geist eines Orixas. Stundenlang tanzen sich die Auserwählten dafür in Trance bis der Orixa durch sie in Erscheinung tritt.Der Candomblé wurde von der katholischen Kirche streng verfolgt. Um ihn heimlich ausüben zu können tarnten die Sklaven ihre Orixa-Gottheiten mit den Namen katholischer Heiliger.

Ich laufe um die Stuhlreihe herum. Der Raum ist mit aus Holz geschnitzten, afrikanischen Skulpturen geschmückt. Plötzlich stehe ich vor einem kleinen Altar, auf dem Porzellanfiguren in Gestalt von Engeln, Rittern und Graisen aufgereiht sind. Auf der obersten Ebene ebenfalls aus Porzellan ragt ein gekreuzigter Jesus Christus an einem hölzernen Cruzfix. Ich drehe mich verwundert um und schaue in das Gesicht der Enquedi. Sie nickt.  „Das ist Jesus Christus, der bei uns Senhor do Bonfim heißt. Er ist gleichzeitg Oxala, der höchste Gottvater der Orixas. Ihm zu Ehren feiern wie die Lavagem do Bonfim.“

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Wenn bei der „Lavagem de Bonfim“ alljährlich im Januar mit großer Inbrunst die Kirchentreppen der Bonfim –Kirche mit parfümiertem Wasser gewaschen werden, feiert ganz Salvador mit. Ein Pilgerzug führt durch die ganze Stadt zur Kirche hin. „Aguas de Oxala“, Wasser des Oxala wird die Pozession auch genannt. Sie ist ein Paradebeispiel für die typische bahianische Vermischung religiöser Symbole des Katholizismus mit afrikanischem Brauchtum. Als ich in meinem Reiseführer die Entstehungsgeschichte dieses synkretistischen Festes nachlese, weiß ich nicht ob ich lachen oder weinen soll. Die Lavagem de Bonfim, das Fest der Kirchenwaschung, ist eigentlich nur entstanden, weil weiße Kolonialherren ihren Sklaven am Vortag des Kirchenfestes die Treppe der Erlöserkirche blitz und blank zu scheuern. Geblieben ist ein rauschendes Fest, bei dem viel getanzt und gesungen wird.

Ich verabschiede mich von der Equedi, darf aber kein Foto von ihr machen, denn sie schämt sich für ihr zerrissenes Kleid. Sie schickt mich zur Wallfahrtskirche Nosso Senhor do Bonfim. Sie soll die schönste der 34 Kolonialkirchen Salvadors sein. Die Erlöserkirche liegt am nördlichsten Zipfel von Salvador auf der Halbinsel Itapagipe, auf einem Hügel. Von dort oben soll man einen wunderbaren Blick auf die ganze Stadt haben. Ich mache ich mich auf den Weg zurück zum Stadtzentrum, um von dort den Bus nach Bonfim zu nehmen. Ohne Eile, denn ich möchte mich ein wenig treiben und die Stadt auf mich wirken lassen.

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Es ist Sonntagnachtmittag. Ich spaziere durch die Seitenstrassen des Stadtzentrums. Die Lanchonetes, die Straßenbistros, sind angenehm gefüllt und einige Anwohner haben sich ihren eigenen Tisch auf die Straße gestellt, an dem sie eifrig Karten spielen.

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Ein dunkelhäutiger Jugendlicher mit nacktem Oberkörper kommt mir entgegen. Ihn frage ich freundlich nach dem Weg zur Haltestelle. Er zeigt in eine Richtung und will meinen Namen wissen. “Eleni” sage ich: und er fängt auf der Stelle an ein Lied anzustimmen für mich. „Ela toda boa, toda boa..”

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In Salvador ist das kein Einzelfall. Fragt man einen Salvadorianer nach dem Weg oder der Geschichte eines Ortes, fängt dieser an zu singen. Das sollte mir noch häufiger passieren. Musik gehört hier irgendwie zum Alltag.

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Die Busfahrt führt mich durch die Unterstadt, die Cidade Baixa, am Elevador Lacerda, dem Schnellaufzug mit dem man in Oberstadt gelangt. Salvador ist auf verschiedenen Ebenen einer Bergkette gebaut und daher in eine Ober- und Unterstadt geteilt.

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Vorbei rauschen an  mir das historische Zollhaus Mercado Modelo direkt am Hafen, in dem heute Bahias Kunsthandwerk verkauft wird und eine Vielzahl bunter ausdrucksvoller Graffities, die einen fast von jeder leeren Hauswand anschreien. Das Kreative, Spontane, selbst Erschaffene scheint in dieser Stadt  ein Lebensgefühlt zu sein.

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Nach einer halben Stunde bin ich an meinem Ziel, vor mir: die Igreja Nosso Senhor do Bonfim. Stolz ragt sie mit ihren zwei gelb bedachten Türmen in das wolkenlose Blau. Höher in den Himmel räkeln sich nur drei riesige Palmen mit dünnen Stämmen, die aussehen wie Stile.

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1740 brachte der portugiesische Seefahrer Teodosio Rodrigeus de Faria eine Jesus-Christus-Statue die Nosso Senhor do Bonfim  über den Ozean in das neue Land. Doch wo sollte man diese unterbringen? Also baute man für sie eine Kirche. Doch anstatt hinein zu gehen wird meine Aufmerksamkeit durch ein ratterndes Motorgeräusch angezogen. Ein paar Meter von mir entfernt bedient ein Mann eine seltsame, primitive Maschine mit zwei Rädern.

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Er entdeckt meine Neugierde und holt einen langen grünen Stock hervor, den er in eine Öffnung schiebt. Die Maschine fängt wieder wie wild an zu rattern.

Ein grünlich gelber Saft strömt in einen Metallkübel, von dem Stock bleiben nur ein paar trockene Fäden über. Der Mann gießt den Saft durch ein Sieb in einen Plastikbecher und legt noch zwei Eiswürfel hinein.

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„Caldo de Cana“, nuschelt er, was auf brasilianisch Zuckerrohrsaft bedeutet. Er reicht mir das Getränk und fordert mich auf zu probieren. Es schmeckt süß aber auch nicht zu süß finde ich, ein bisschen wie Lemonade, aber irgendwie auch anders. “A cana passa a cana e sai o caldo cana, aí bota no copo e toma. Caldo de cana com limão, muito bom, sem limão, com limão, muito bom!”

Caldo de Cana ist in Salvador da Bahia de Todos os Santo ein beliebtes Getränk, erzählt mir der Zuckerrohrsaftverkäufer. Gibt man noch ein paar Spritzer Limettensaft hinzu, schmecke es noch besser. sagt er charmant.

Sein Name ist Jorge Cruz Santana. Ich frage ihn, woher er kommt und ob er auf Itapagipe wohnt. Er schüttelt den Kopf und zeigt mit dem Finger auf den gegenüberliegenden Hügel.

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Ein so großes Armenviertel habe ich bisher noch nie gesehen. Uruguai, heißt das Viertel in dem er wohnt, daneben liegt Piri Piri, Paripe, Sao Caitano. Eine Favela scheint in die nächste über zu gehen.

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In Uruguia sagt der Zuckerverkäufer Jorje stolz, gibt es eine Kirche, die von Papst Johannes Paul dem Zweiten persönlich eingeweiht wurde. Ich drücke ihm 50 Reas in die Hand, was umgerechnet ein Euro ist und verabschiede mich.  Er lächelt ein zahnloses aber warmherziges Lächeln.

Ich setze mich auf eine Bank vor der Kirche, nippe an meinem Zuckerrohrsaft und lasse meine Blicke schweifen. Der Platz vor der Nosso Senhor do Bonfim ist ziemlich leer, außerhalb der vielen Feiertage, an denen die ganze Stadt hierher pilgert, ist hier offenbar wenig los. Die wenigen Touristen und Einheimischen verlieren sich auf dem großen Areal.

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Mit einem Mal spielt sich vor meinen Augen eine rührende Szene ab. Auf den Stufen der Wallfahrtskirche hockt ein dunkelhäutiger Mann in Shorts und weißem Unterhemd.  Er hat einen schwarzen Plastikmülleimer zwischen seine Knie geklemmt und trommelt darauf herum. Neben ihm tanzt zu den Trommelschlägen seine süße zweijährige Tochter. Als ich mich ihm nähere fängt er an zu singen.

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Er singt offenbar ein Lied über den Ort Bonfim. Vinicius Rocky und seine Tochter Virginia habe ich sofort ins Herz geschlossen. Wir verbringen den Abend gemeinsam in einem Restaurant am äußersten Zipefel der Halbinsel Itapapagipe. Hierher verirrt sich kaum ein Tourist.

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Zu Moquecca de Peixe, Fisch in Dende-Öl, eines der typisch bahianischen Gerichte, beobachten wir wie die Sonne als rot glühender Ball vom Meer verschluckt wird. Von hier aus hat man wirklich den schönsten Blick auf Salvador und das Meer. Bei diesem Anblick wird mir klar, warum viele der bekanntesten Künstler, Musiker und Dichter Brasiliens aus Salvador Bahia stammen. Ihrem Heimatort Bahia haben sie auch in unzähligen Liedern Hommage erwiesen.

AUDIO_ Musik von Caetano, Gilberto Gil, Joao Gilberto:  Bahia com H

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Der Candomblé in Brasilien – zwischen Alltagskultur und Religion

Okt 18

Der Beitrag lief im Juni 2009 im Deutschlandfunk in der Sendung “Aus Religion und Gesellschaft”. Redaktion: Herbert Gornik und Ralf bei der Kellen. Autorin: Eleni Klotsikas

Zum Nachhören:

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Brasilien gilt nach wie vor als die größte katholische Nation der Welt. Die Realität ist jedoch vielschichtiger, denn viele Brasilianer sind keineswegs nur auf eine Religion festgelegt. Gerade die Symbiose von katholischen Traditionen, Festen und Symbolen mit afrikanischen und indigenen Göttern, Riten und Kulten ist heute ein wesentlicher Bestandteil brasilianischer Kultur und Folklore vor allem im Nordosten Brasiliens, im Bundesstaat Bahia. Kern dieser als Candomblé bezeichneten Spiritualität bildet der Glaube an afrikanische Naturgötter, den vor 150 Jahren Sklaven nach Brasilien brachten. Heute nehmen viele Katholiken regelmäßig an Festen und Ritualen des Candomblé teil oder suchen in bestimmten Situationen Rat bei Candomblé-Geistlichen. Für eine westliche Gesellschaft wie die Brasiliens ist die starke Präsenz des Candomblé, dem eine magische Weltanschauung zugrunde liegt, ein erstaunliches Phänomen. Eleni Klotsikas berichtet aus Salvador de Bahia.

[Festatmo1] Im Festraum der Candomblé-Kultstätte Ilê Axé Omo Omim Ala eine Autostunde von Salvador da Bahia entfernt haben sich um die 50 festlich gekleidete Gäste versammelt. Sie klatschen und singen Lieder. Im hinteren Teil des Raumes schlagen fünf Männer die Atabaque Trommeln begleitet von den Klängen einer Metallglocke, der Agôgô. Mit wiegenden kleinen Vor- und Rückwärts-Schritten tanzen dazu in der Mitte in Seemannskostüme gekleidete Frauen und Männer. Schließlich bewegt sich der Menschentross nach draußen in den Garten zu einem Tempel, der die Form eines Schiffes hat. Angeführt wird die Gruppe von einer älteren Frau in einem extravaganten silbernen Kleid und einer Matrosenmütze auf den Kopf. Sie ist Leiterin der Candomblé-Kultstätte In der Kultsprache wird sie als Yalorixà bezeichnet, im Volksmund heisst sie schlicht „Mutter der Heiligen“ . Agissé Franca Silva, der Kräutermann des Terreiros, erklärt den für Außenstehende seltsam anmutenden Vorgang.

1. O-Ton: „Heute wird das Fest des Seemanns gefeiert. Die Yalorixa hat die Gestalt eines Matrosen angenommen und wird das Schiff besteigen. Dann wird sie in Bier gebadet.“

[Festatmo2] Mehrere Flaschen werden über ihren Kopf geleert. Das Ritual führen einige jüngere Frauen aus, auch „Töchter der Heiligen“ genannt. Die Yalorixa beginnt wie wild zu tanzen. Das Matrosenfest „Marujada“ hat in ganz Bahia Tradition. Der Legende nach haben es die Nachkommen zweier Sklavenfamilien aus einem afrikanischen Königreich eingeführt. Als ranghohe Offiziere verkleidet nahmen sie an den Festen zu Ehren katholischer Heiliger teil und konnten somit ihre eigenen sonst verbotenen Tänze darbieten. Nach dem Bierbad greift die Yalorixa in eine Schüssel mit weißem Mais und wirft ihn in die Luft. Ein paar Sylvesterkracher werden angezündet. Eine der Heiligentöchter stößt plötzlich einen inbrünstigen Schrei aus. Sie krümmt sich und verdreht die Augen. Einer der Orixas, der afrikanischen Gottheiten, hat sich – so glauben die Anhänger des Candomblé – ihres Körpers bemächtigt. Sie erlebt gerade einen Trancezustand. Zwei Frauen stützen sie und wischen ihr den Schweiß von der Stirn. Bei den übrigen Gästen scheint dieser Vorgang kein großes Aufsehen zu erregen. Sie klatschen und singen weiter.

2. O-Ton: “ Der Schrei, den die Person ausstößt, wenn sie einen Orixa empfängt, heißt Oela. Jeder Orixa hat seinen eigenen charakterischen Schrei. Es ist ein Begrüßungsruf des Gottes um sich anzukündigen. Es ist nicht die physische Person, die dort schreit, sondern die Gottheit, die sich in der Person materialisiert hat.”

So erklärt Agissé Franca Silva das Geschehen. Bereits als kleiner Junge hatte er an allen Festen des Terreiros teilgenommen hat. Als “Babalossain”, als Kräutermann des Terreiros, ist er heute für das Pflücken und Aufbereiten verschiedener Kräuter und Pfanzen für die Canadomblé-Rituale zuständig.

[Candomblé-Musik] Nach der Schöpfungslegende des afrikanischen Stammes der Yoruba schickte einst der oberste Gott Olodumaré die Orixàs los, damit sie die Erde erschaffen und besiedeln. Nachdem sie Städte gebaut und Nachkommen gezeugt hatten, kehrten sie wieder ins Jenseits zurück. Dort verwandelten sie sich in reine Kraft, in das Axé. An diesem Axé können die Menschen Anteil haben, wenn sie in ihren Ritualen die Gottheiten auf die Erde rufen. Das geht aber nur, wenn die Söhne und Töchter der Heiligen in Trance fallen. Zum Medium der Gottheit können nur Eingeweihte, jahrelang in den Kult Initiierte werden. Es gibt im Candomblé auch keine heilige Schrift, in der man darüber etwas nachlesen könnte, erklärt Agissé Fanca Silva:

3. O-Ton: „ Der Candomblé ist keine Wissenschaft, sondern eine gelebte Religion. Es ist ein Wissen, das von der Mutter an die Tochter und vom Vater zum Sohn weitergegeben wird über Generationen. Den Stamm bilden die älteren Personen. Sie sind so etwas wie die Bibliothek und haben einen unschätzbaren Wert.“

MUSIK: Die Sklavinnen und Sklaven, die von der portugiesischen Kolonialmacht im 17. und 18. Jahrhundert nach Brasilien verschifft wurden, stammten aus verschiedenen Teilen Afrikas mit jeweils eigenen Riten und Kulten. Erst in Brasilien wurde daraus eine gemeinsame Religion. Doch der afrikanische Götterhimmel wurde mit seinen über 600 Orixàs im Cadomblé auf 16 Gottheiten reduziert. Vorherrschend ist die Tradition der Yorubas. Die Götter repräsentieren dort wie im Candomblé Naturelemente wie Sonnestrahlen, Stürme, Blitze, Donner, Wasser aber auch ökonomische Aktivitäten wie Jagd und Landwirtschaft, sowie Krankheit, Tugenden und Werte. Der Gottvater Oxala wird beispielsweise auch „König des Himmels“ genannt. Xangô steht für Gerechtigkeit, sein Naturelement sind die Berge. Yemanja, die Königin der Meere symbolisiert Schönheit und Fruchtbarkeit, und Oxum, die Königin der Seen, Flüsse und Wasserfälle, steht für die Liebe. Die 16 Orixas im Candomblé werden durch Werkzeuge dargestellt, sagt der Kräutermann Agissé Franca Silva:

4. O-Ton: „Xangô, der König der Gerechtigkeit wird beispielsweise durch eine Axt mit zwei Flügeln abgebildet. Ogum, der König des Krieges durch eine Machete, der Jäger Ochossi der Gott der Wälder, durch Pfeil und Bogen, er ist ein Jäger. Das Zepter steht Oxala, dem König des Firmaments, dem Gottvater aller Orixas.“

In den Augen der katholischen Kirche und der portugiesischen Kolonialmacht hatten die Sklaven keine Kultur. Das Praktizieren ihrer Rituale war daher strengstens verboten. Der  Franziskaner-Mönch Hugo Fragoso lehrte früher an der katholischen Universität von Salvador da Bahia die Geschichte seiner Kirche. Er berichtet, dass die katholische Kirche sehr lange brauchte, bis sie ihre fundamentalistische Sichtweise ablegte:

5. O-Ton: „Dies geschah erst mit dem 2. Vatikanischen Konzil und in Lateinamerika erst durch die Bischofskonferenz von Medellin und Puebla. Dort wurde das erste Mal verkündet, dass die afroamerikanischen Religionen ein Wertesystem haben, das die Präsenz Gottes in Ansätzen repräsentiert, doch lediglich im Keim.“

Um den sog. „Ungläubigen“ die Lehre der katholischen Kirche näher zu bringen, zogen die Jesuiten Parallelen zu katholischen Heiligen. Dies wurde zwar von den Sklaven angenommen, führte jedoch keineswegs zur Aufgabe ihrer eigenen Götter.

So entstand ein bis heute gelebter Synkretismus. Jedem der Orixas ist ein katholischer Heiliger zugeordnet. Die Heilige Barbara beispielsweise ist die Gewittergöttin Iansa. Der Heilige Georg wird mit dem Kriegsgott Ogum assoziiert. Wie sehr der Katholizismus mit afrikanischem Brauchtum heute vermischt ist, zeigen die zahlreichen religiösen Feste der Stadt Salvador. “Lied für Oxala” einbleden (Cadomblé-Musik)

Wenn bei der „Lavagem do Bonfim“ alljährlich im Januar die Kirchentreppe der Bonfimkirche mit parfümiertem Wasser gewaschen und mit Blumen geschmückt wird, feiert ganz Salvador mit. Ein Pilgerzug führt durch die ganze Stadt zur Kirche. Angeführt wird er von den Baianas, den Frauen in ihren weißen, weiten bis zu den Fußknöcheln reichenden Candomblé-Kleidern. Aguas de Oxala“, Wasser des Oxala, wird die Pozession auch genannt. Ursprünglich befahlen die weißen Herrscher ihren Untertanen am Vortag eines Kirchenfestes, die Treppe blitzblank zu scheuern. Geblieben ist ein Fest, bei dem zwar noch immer viel gewaschen, aber auch viel getanzt und gesungen wird. Die Türen der katholischen Bomfim-Kirche blieben für die Feiernden allerdings lange Zeit verschlossen, sagt der Franziskaner-Mönch Hugo Fragoso:

6. O-Ton: „Es war ein widersprüchliches Bild. Die Kirche war leer und verriegelt und draußen tanzte die Masse. Die Bischöfe führten dann eine Reform durch, in der es generell verboten wurde, die Türen der Kirche zu verriegeln. Es war eine symbolische Öffnung und so wurde die Kirchenwaschung als ein Akt christlicher Reinigung inkorporiert. Generell kann man sagen, dass die katholische Kirche zwar versuchte die Schwarzen zu erobern, doch letztlich waren es die Schwarzen, die die Kirche für sich eroberten.“

In ihren Grundprinzipien haben Candomblé und Katholizismus nicht viel gemein. Im Candomblé gibt es zum Beispiel keine Moralvorstellung und daher auch keine Sünde. Das Gewissen wurde in die Götterwelt ausgelagert. Jeder Orixà vereint in sich gute und böse Charaktereigenschaften. Exu zum Beispiel, der Orixà des Feuers, wird oft mit dem Teuflischen gleichgesetzt. Er sät Intrigen und Missgunst zwischen den Menschen und wenn irgendwo ein Streit ausbricht, dann steckt –  so glauben viele Baianer – bestimmt Exu dahinter. Doch während der Teufel im Christentum bekämpft und ausgetrieben werden muss, geht es im Candomblé darum, Exu zu besänftigen. Vor jeder Unternehmung wird zu allererst ihm ein Opfer gebracht, denn wenn Exu zufrieden ist, so die volkstümliche Annahme, hat er weniger Lust, Unheil zu stiften. Dazu wird ein rituelles Lied gesungen. [Lied für Exu]

Der Heiligen-Vater Pai Mao, Leiter eines kleinen Terreiros am Stadtrand von Salvador, erklärt es:

7. O-Ton: „Die Musik ist eine Form der Kommunikation mit dem Orixa. Wenn wir für Exu ein Huhn geopfert haben, dann singen wir: Êêh olha lá zéco zéco, olha zéco li ah… Wir singen: Exu nimm, was wir Dir geben! Êê é um giro uma vila um gire mavambú, é compensoeia. Wir bitten ihn, sich auf die Suche zu machen, nach dem was wir brauchen. Wir bitten ihn, unsere Feinde zu besiegen, und unsere Ziele im Weltkreislauf zu erreichen.”

Das Terreiro von Pai Mao, der mit richtigen Namen Antonio Batsita heißt, liegt mitten in einer Favela. Hier gibt es keine befestigten Straßen, wenn es regnet, versinkt man im Schlamm. Das Terreiro wirkt bescheiden. Im Garten neben seinem Haus steht ein kleiner Altar aus rohen Ziegelsteinen, wo Pai Mao die Tiere für die Opferbringung schlachtet. Familienmitglieder und Nachbarn schlagen dabei die Trommeln. In einem schlichten Kultraum ohne Wandbemalung empfängt er Gäste. Sein Terreiro ist nicht das einzige in der Siedlung, doch der Bedarf scheint groß. Viele Leute aus der Gegend bitten ihn um Rat bei Krankheiten oder vor wichtigen Entscheidungen.

8. O-Ton: „Die Funktion des Heiligen Vaters, des Babalorixa oder der Heiligenmutter Yalorixa, ist die Kenntnis über das Infa. Es sind die Geschichten aus dem Leben der Orixas, alles, was der Orixa erlebt und gelebt hat. Um herauszufinden was in einer bestimmten Situation zu tun ist, befragen wir das Infa. Es ist eine weitere Form, in der wir mit den Orixas kommunizieren.“

Pai Mao holt 16 kleine Kauri-Muscheln hervor und wirft sie auf den Tisch.

Je nachdem wie die Muscheln fallen, weisen sie auf eine bestimmte Geschichte oder einen bestimmten Spruch hin. Die wichtigste und erste Frage ist immer die nach dem persönlichen Orixà.

9. O-Ton: “Jede Person hat einen Orixa an ihrer Seite. Dieser kann als eine Art Schutzengel definiert werden. Je nachdem welche Charaktereigenschaften und äußerlichen Merkmale eine Person hat, entscheidet sich welchem Orixa sie angehört.“

In gewisser Weise ähnelt der Götterkult des Candomblé den Sternzeichen der Astrologie. Wer den eigenen Orixa kennt, kann im Candomblé durch Rituale und Opfergaben die Kraft seines Orixa für sich nutzen. Die Opfer werden in Form von Essen gebracht, wobei die Vorlieben der Gottheit zu berücksichtigen sind, genauso wie seine Lieblingsfarbe, seine Symbole und seine Musik. Für den normalen Candomblé-Gläubigen ist es unmöglich, das gesamte rituelle System zu überblicken. Das muss er auch nicht, denn im Zweifelsfall kann er immer den Candomblé-Geistlichen seines Vertrauens aufsuchen. Und davon gibt es in Brasilien viele. Nach Angaben der nationalen Föderation für afro-brasilianische Kulte gibt es im gesamten Bundesstaat Bahia über 5000 registrierte Terreiros und noch mal an die 1500 weitere im restlichen Brasilien. Der Candomblé ist keine Religion mehr für Außenseiter, sondern vor allem in Bahia ein fester Bestandteil der Musikkultur. Davon zeugen auch viele Lieder erfolgreicher brasilianischer Bands.

Weitere Links zum Thema:
Auch in Berlin gibt es eine Candomblé-Tempel. Mehr dazu auf der Webseite:
http://candomble-berlin.de/
Der Berliner Candomblé-Tempel wird vom brasilianischen Kulturverein Forum Brasil betrieben. Mehr zu auf der Webseite: http://blog.forum-brasil.de/

 

Freie Journalistin

Eleni Klotsikas