Interview für das radioeins-Medienmagazin mit dem M100-Medienpreisträger 2011 Michael Anti in der Orangerie Sanssouci kurz vor der Preisverleihung am 08.09.2011
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In Griechenland gibt es eine besondere Art der Abhängigkeit zwischen den Medien und dem Staat. Vor allem Tageszeitungen können sich nicht eigenständig finanzieren. Sie sind Subventionsgeschäfte und politisches Druckmittel der Besitzer großer Baufirmen in Griechenland. Ein Beispiel ist die Tageszeitung „Ethnos“, die dem Bauunternehmer Georgios Bobolas gehört oder das Medienunternehmen Dol mit dem Fernsehsender “Mega” und den Sonntagszeitungen „To Bima“ oder „Ta Nea“, die dem Bauunternehmer Christos Lambrakis gehören.
Diese Abhängigkeiten waren in der Berichterstattung schon immer zu spüren. Jetzt in der Krise, wo die Bauvorhaben auf Eis gelegt sind, geht es der subventionierten Presse sehr schlecht. Hunderte von Journalisten werden nach und nach entlassen und müssen mit massiven Gehaltseinbußen rechnen. Auch sie haben sich dem Streik der Journalisten des staatlichen Rundfunks ERT und ERT3 angeschlossen, denen im letzten Jahr 30% ihres Gehaltes gekürzt wurde. Eleni Klotsikas und Jörg Wagner. Mehr dazu in einem Beitrag für den Deutschlandfunk (Markt und Medien)
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Audio: Bericht im radioeins-Medienmagazin vom 11.12.2010
Gebauter Beitrag für den Deutschlandfunk (Sendung Eine Welt)
In der Wahlnacht, in der Obama zum Präsidenten gewählten wurde, war ich in Chicago und zelebrierte diesen Abend mit vielen Tausend anderen jungen Leuten im Grant Park. Die Stimmung war gigantisch.
Auf dem Weg dahin kamen mir zahlreiche Menschen entgegen, die alle ein individuelles Obama-Shirt trugen. Es war als hätte jemand den Obama-Shirt-Contest ausgerufen!
Der Beitrag lief im Januar 2009 im Deutschlandfunk in der Sendung “Sonntagsspaziergang”. Redaktion: Andreas Stopp, Autorin: Eleni Klotsikas
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Salvador da Bahia ist die drittgrößte Stadt Brasiliens. Die 2,8 Millionen Einwohner große Küstenmetropole im nordöstlichen Bundesstadt Bahia hat auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz so viele Superlative zu bieten wie Rio de Janeiro oder Sao Paulo. Kulturell und geschichtlich gesehen gehört sie ohne Zweifel zu den interessantesten Städten Brasiliens. „Sao Salvador da Bahia de Todos os Santos“, so der vollständige Name, was zu deutsch: „Der Heilige Retter der Bucht Aller Heiligen“ heißt, wurde 1549 vom portugiesischen Generalgouverneur Tomé da Suza zur ersten Hauptstadt Brasiliens erklärt und behielt diesen Status über 200 Jahre lang.
Salvador war nicht nur das Einfallstor für die Kolonialisten, die in der Stadt zahlreiche architektonische Denkmäler hinterließen. In Salvador kam auch der größte Teil der über 5 Miollionen Afrikaner an, die als Sklaven nach Brasilien verschleppt wurden, um auf den Zuckerplantagen zu arbeiten. Dies prägt den Charakter der Stadt bis heute. Salvador ist das „schwarze Brasilien“, das Zentrum afro-brasilianischer Kultur.
Geprägt hat das auch die Musikszene der Stadt. In Salvador spielt sich jedes Jahr der größte Straßenkarneval der Welt ab. Als innovatives Musikzentrum Brasiliens hat Salvador Sao Paulo und Rio den Rang abgelaufen. Im Januar 2008 bin ich in diese trommelnde und singende Metropole eingetaucht.
Jeden Dienstag und Sonntag in der Vorkarnevalszeit wenn die Sonne untergeht verwandeln sie das barocke Altstadtviertel in ein einzigartiges Trommelfeuer. Die Percussionistengruppen, „Blocos Afros“ genannt mit ihren “Ensaios”, ihren öffentlichen Konzertproben, ziehen durch die bunten Gassen der Altstadt und fordern die herumstehende Menschenmasse zum Mitsingen und Tanzen auf: “E canta, canta Salvador, canta, canta, canta meu amor, canta, canta Olodum do Pelô.”
Die bekannteste von ihnen, die Gruppe Olodum hat es sogar zu Weltruhm gebracht und dem schwarzen Bevölkerungsanteil ihr Selbstbewusstsein wiedergegeben. Das zu zerfallen drohende Altstadtviertel Pelourinho war plötzlich Magnet für Touristen aus aller Welt. Heute ist es komplett restauriert und steht unter UNESCO- Weltkulturerbe. Von seiner dunklen Vergangenheit keine Spur mehr.
Kaum zu glauben, dass hier in Pelourinho, von den Einwohner liebevoll “Pelo” genannt, noch vor 150 Jahren die Sklaven öffentlich ausgepeitscht wurden. “Pelo” war einst der zentrale Sklavenmarkt Bahias.
Während ich mich in das Getümmel der Altstadt stürze bin ich plötzlich von einer Reihe von Trommlern umgeben. Mein erster Gedanke ist, mein Trommelfell wird platzen. Doch dann beginnt mein Herz in einem anderen Rhythmus zu schlagen, im Axé Rhythmus. Ich fühle mich quicklebendig und bin neugierig auf diese Musik und was sie erzählt.
Die Kraft der Atabaque-Trommel lässt einen Orixa, einen von vielen afrikanischen Gottheiten erscheinen, heißt es. Die Anhänger der afro-brasilianischen Religion Candomblé glauben, dass sich die Orixa-Gottheiten in den Körpern ausgewählter Menschen materialisieren. Blocos Afros wie Olodum gingen also in die Terreiros, in die vielen Candomblé-Kultustätten, von denen es in Salvador unzählige gibt, und ließen sich von der Musik inspirieren. Also war mir klar, ich musste unbedingt ein Terreiro besuchen!
Ich stehe auf einem asphaltierten Areal, dessen Mitte ein in Schiffsform gebauter Tempel einnimmt. Es sieht aus, als sei mitten auf dem glühend heißen Asphalt ein Schiff gestrandet. Geschmückt ist das weiße Tempelschiff mit der blau bemalten Umrandung mit silbernen, weißen, goldenen und gelben Vasen. Über allem thront auf einer dünnen, schmucklosen Säule ein kleiner weißer Schwan aus Ton. Der Tempel gehört zur Casa Branca, das älteste Terreiro Salvadors. Hier finden jeden Sonntagabend Zeremonien statt.
Die glühend heiße Mittagssonne – so scheint es – lässt sogar die Grillen in den Bäumen laut aufschreien. Schließlich steigt eine ältere Frau mit tiefschwarzer Hautfarbe, kurzen Haaren, in einem weißen zerschlissenen Baumwollkleid die Stufen zum Tempelschiff hinab. Gott sei Dank, denn die brennende Mittagssonne bringt jede noch so kleine Gehinaktivität zum Erlahmen. Der weiß gestrichene Raum wird durch mehrere Wandsäulen getrennt, an der Hauptsäule hängt ein gemaltes Bild, auf dem ein schwarzer Mann mit nacktem Oberkörper und verzweifeltem Gesichtausdruck eine Doppelaxt in die Luft hält. Blickfang bildet um die Säulen herum eine Anordnung von auffälligen Holzstühlen. Keiner sieht aus wie der andere. Die Stühle erinnern mit ihren aufwändigen Schnitzereien und großzügigen Armlehnenan an Throne.
„Die Stühle sind für die Orixas“, erzählt die Frau des Terreiros. Sie ist die Enquedi, eine Haushälterin im Terreiro. „Es dürfen nur Personen darauf sitzen, die einen Grad im Candomblé erlangt haben und den Geist eines Orixas empfangen können. Jeder Orixa hat seinen eigenen Stuhl. Das hier ist der Stuhl von Ogun, der weiße ist für Oxala, dem Vater aller Orixas, alles was zu ihm gehört ist weiß.” Jeder Orixà hat verschiedene Charaktereigenschaften, Stärken und Schwächen, die sich auf uns Menschen übertragen, erzählt sie weiter. Im Candomblé gilt jeder Mensch als Nachkomme eines bestimmten Orixa. Doch nur Auserwählte können zu seinem Medium werden. In ihren Körpern offenbart sich der Geist eines Orixas. Stundenlang tanzen sich die Auserwählten dafür in Trance bis der Orixa durch sie in Erscheinung tritt.Der Candomblé wurde von der katholischen Kirche streng verfolgt. Um ihn heimlich ausüben zu können tarnten die Sklaven ihre Orixa-Gottheiten mit den Namen katholischer Heiliger.
Ich laufe um die Stuhlreihe herum. Der Raum ist mit aus Holz geschnitzten, afrikanischen Skulpturen geschmückt. Plötzlich stehe ich vor einem kleinen Altar, auf dem Porzellanfiguren in Gestalt von Engeln, Rittern und Graisen aufgereiht sind. Auf der obersten Ebene ebenfalls aus Porzellan ragt ein gekreuzigter Jesus Christus an einem hölzernen Cruzfix. Ich drehe mich verwundert um und schaue in das Gesicht der Enquedi. Sie nickt. „Das ist Jesus Christus, der bei uns Senhor do Bonfim heißt. Er ist gleichzeitg Oxala, der höchste Gottvater der Orixas. Ihm zu Ehren feiern wie die Lavagem do Bonfim.“
Wenn bei der „Lavagem de Bonfim“ alljährlich im Januar mit großer Inbrunst die Kirchentreppen der Bonfim –Kirche mit parfümiertem Wasser gewaschen werden, feiert ganz Salvador mit. Ein Pilgerzug führt durch die ganze Stadt zur Kirche hin. „Aguas de Oxala“, Wasser des Oxala wird die Pozession auch genannt. Sie ist ein Paradebeispiel für die typische bahianische Vermischung religiöser Symbole des Katholizismus mit afrikanischem Brauchtum. Als ich in meinem Reiseführer die Entstehungsgeschichte dieses synkretistischen Festes nachlese, weiß ich nicht ob ich lachen oder weinen soll. Die Lavagem de Bonfim, das Fest der Kirchenwaschung, ist eigentlich nur entstanden, weil weiße Kolonialherren ihren Sklaven am Vortag des Kirchenfestes die Treppe der Erlöserkirche blitz und blank zu scheuern. Geblieben ist ein rauschendes Fest, bei dem viel getanzt und gesungen wird.
Ich verabschiede mich von der Equedi, darf aber kein Foto von ihr machen, denn sie schämt sich für ihr zerrissenes Kleid. Sie schickt mich zur Wallfahrtskirche Nosso Senhor do Bonfim. Sie soll die schönste der 34 Kolonialkirchen Salvadors sein. Die Erlöserkirche liegt am nördlichsten Zipfel von Salvador auf der Halbinsel Itapagipe, auf einem Hügel. Von dort oben soll man einen wunderbaren Blick auf die ganze Stadt haben. Ich mache ich mich auf den Weg zurück zum Stadtzentrum, um von dort den Bus nach Bonfim zu nehmen. Ohne Eile, denn ich möchte mich ein wenig treiben und die Stadt auf mich wirken lassen.
Es ist Sonntagnachtmittag. Ich spaziere durch die Seitenstrassen des Stadtzentrums. Die Lanchonetes, die Straßenbistros, sind angenehm gefüllt und einige Anwohner haben sich ihren eigenen Tisch auf die Straße gestellt, an dem sie eifrig Karten spielen.
Ein dunkelhäutiger Jugendlicher mit nacktem Oberkörper kommt mir entgegen. Ihn frage ich freundlich nach dem Weg zur Haltestelle. Er zeigt in eine Richtung und will meinen Namen wissen. “Eleni” sage ich: und er fängt auf der Stelle an ein Lied anzustimmen für mich. „Ela toda boa, toda boa..”
In Salvador ist das kein Einzelfall. Fragt man einen Salvadorianer nach dem Weg oder der Geschichte eines Ortes, fängt dieser an zu singen. Das sollte mir noch häufiger passieren. Musik gehört hier irgendwie zum Alltag.
Die Busfahrt führt mich durch die Unterstadt, die Cidade Baixa, am Elevador Lacerda, dem Schnellaufzug mit dem man in Oberstadt gelangt. Salvador ist auf verschiedenen Ebenen einer Bergkette gebaut und daher in eine Ober- und Unterstadt geteilt.
Vorbei rauschen an mir das historische Zollhaus Mercado Modelo direkt am Hafen, in dem heute Bahias Kunsthandwerk verkauft wird und eine Vielzahl bunter ausdrucksvoller Graffities, die einen fast von jeder leeren Hauswand anschreien. Das Kreative, Spontane, selbst Erschaffene scheint in dieser Stadt ein Lebensgefühlt zu sein.
Nach einer halben Stunde bin ich an meinem Ziel, vor mir: die Igreja Nosso Senhor do Bonfim. Stolz ragt sie mit ihren zwei gelb bedachten Türmen in das wolkenlose Blau. Höher in den Himmel räkeln sich nur drei riesige Palmen mit dünnen Stämmen, die aussehen wie Stile.
1740 brachte der portugiesische Seefahrer Teodosio Rodrigeus de Faria eine Jesus-Christus-Statue die Nosso Senhor do Bonfim über den Ozean in das neue Land. Doch wo sollte man diese unterbringen? Also baute man für sie eine Kirche. Doch anstatt hinein zu gehen wird meine Aufmerksamkeit durch ein ratterndes Motorgeräusch angezogen. Ein paar Meter von mir entfernt bedient ein Mann eine seltsame, primitive Maschine mit zwei Rädern.
Er entdeckt meine Neugierde und holt einen langen grünen Stock hervor, den er in eine Öffnung schiebt. Die Maschine fängt wieder wie wild an zu rattern.
Ein grünlich gelber Saft strömt in einen Metallkübel, von dem Stock bleiben nur ein paar trockene Fäden über. Der Mann gießt den Saft durch ein Sieb in einen Plastikbecher und legt noch zwei Eiswürfel hinein.
„Caldo de Cana“, nuschelt er, was auf brasilianisch Zuckerrohrsaft bedeutet. Er reicht mir das Getränk und fordert mich auf zu probieren. Es schmeckt süß aber auch nicht zu süß finde ich, ein bisschen wie Lemonade, aber irgendwie auch anders. “A cana passa a cana e sai o caldo cana, aí bota no copo e toma. Caldo de cana com limão, muito bom, sem limão, com limão, muito bom!”
Caldo de Cana ist in Salvador da Bahia de Todos os Santo ein beliebtes Getränk, erzählt mir der Zuckerrohrsaftverkäufer. Gibt man noch ein paar Spritzer Limettensaft hinzu, schmecke es noch besser. sagt er charmant.
Sein Name ist Jorge Cruz Santana. Ich frage ihn, woher er kommt und ob er auf Itapagipe wohnt. Er schüttelt den Kopf und zeigt mit dem Finger auf den gegenüberliegenden Hügel.
Ein so großes Armenviertel habe ich bisher noch nie gesehen. Uruguai, heißt das Viertel in dem er wohnt, daneben liegt Piri Piri, Paripe, Sao Caitano. Eine Favela scheint in die nächste über zu gehen.
In Uruguia sagt der Zuckerverkäufer Jorje stolz, gibt es eine Kirche, die von Papst Johannes Paul dem Zweiten persönlich eingeweiht wurde. Ich drücke ihm 50 Reas in die Hand, was umgerechnet ein Euro ist und verabschiede mich. Er lächelt ein zahnloses aber warmherziges Lächeln.
Ich setze mich auf eine Bank vor der Kirche, nippe an meinem Zuckerrohrsaft und lasse meine Blicke schweifen. Der Platz vor der Nosso Senhor do Bonfim ist ziemlich leer, außerhalb der vielen Feiertage, an denen die ganze Stadt hierher pilgert, ist hier offenbar wenig los. Die wenigen Touristen und Einheimischen verlieren sich auf dem großen Areal.
Mit einem Mal spielt sich vor meinen Augen eine rührende Szene ab. Auf den Stufen der Wallfahrtskirche hockt ein dunkelhäutiger Mann in Shorts und weißem Unterhemd. Er hat einen schwarzen Plastikmülleimer zwischen seine Knie geklemmt und trommelt darauf herum. Neben ihm tanzt zu den Trommelschlägen seine süße zweijährige Tochter. Als ich mich ihm nähere fängt er an zu singen.
Er singt offenbar ein Lied über den Ort Bonfim. Vinicius Rocky und seine Tochter Virginia habe ich sofort ins Herz geschlossen. Wir verbringen den Abend gemeinsam in einem Restaurant am äußersten Zipefel der Halbinsel Itapapagipe. Hierher verirrt sich kaum ein Tourist.
Zu Moquecca de Peixe, Fisch in Dende-Öl, eines der typisch bahianischen Gerichte, beobachten wir wie die Sonne als rot glühender Ball vom Meer verschluckt wird. Von hier aus hat man wirklich den schönsten Blick auf Salvador und das Meer. Bei diesem Anblick wird mir klar, warum viele der bekanntesten Künstler, Musiker und Dichter Brasiliens aus Salvador Bahia stammen. Ihrem Heimatort Bahia haben sie auch in unzähligen Liedern Hommage erwiesen.
AUDIO_ Musik von Caetano, Gilberto Gil, Joao Gilberto: Bahia com H
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Der Beitrag lief im Juni 2009 im Deutschlandfunk in der Sendung “Aus Religion und Gesellschaft”. Redaktion: Herbert Gornik und Ralf bei der Kellen. Autorin: Eleni Klotsikas
Zum Nachhören:
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Brasilien gilt nach wie vor als die größte katholische Nation der Welt. Die Realität ist jedoch vielschichtiger, denn viele Brasilianer sind keineswegs nur auf eine Religion festgelegt. Gerade die Symbiose von katholischen Traditionen, Festen und Symbolen mit afrikanischen und indigenen Göttern, Riten und Kulten ist heute ein wesentlicher Bestandteil brasilianischer Kultur und Folklore vor allem im Nordosten Brasiliens, im Bundesstaat Bahia. Kern dieser als Candomblé bezeichneten Spiritualität bildet der Glaube an afrikanische Naturgötter, den vor 150 Jahren Sklaven nach Brasilien brachten. Heute nehmen viele Katholiken regelmäßig an Festen und Ritualen des Candomblé teil oder suchen in bestimmten Situationen Rat bei Candomblé-Geistlichen. Für eine westliche Gesellschaft wie die Brasiliens ist die starke Präsenz des Candomblé, dem eine magische Weltanschauung zugrunde liegt, ein erstaunliches Phänomen. Eleni Klotsikas berichtet aus Salvador de Bahia.
[Festatmo1] Im Festraum der Candomblé-Kultstätte Ilê Axé Omo Omim Ala eine Autostunde von Salvador da Bahia entfernt haben sich um die 50 festlich gekleidete Gäste versammelt. Sie klatschen und singen Lieder. Im hinteren Teil des Raumes schlagen fünf Männer die Atabaque Trommeln begleitet von den Klängen einer Metallglocke, der Agôgô. Mit wiegenden kleinen Vor- und Rückwärts-Schritten tanzen dazu in der Mitte in Seemannskostüme gekleidete Frauen und Männer. Schließlich bewegt sich der Menschentross nach draußen in den Garten zu einem Tempel, der die Form eines Schiffes hat. Angeführt wird die Gruppe von einer älteren Frau in einem extravaganten silbernen Kleid und einer Matrosenmütze auf den Kopf. Sie ist Leiterin der Candomblé-Kultstätte In der Kultsprache wird sie als Yalorixà bezeichnet, im Volksmund heisst sie schlicht „Mutter der Heiligen“ . Agissé Franca Silva, der Kräutermann des Terreiros, erklärt den für Außenstehende seltsam anmutenden Vorgang.
1. O-Ton: „Heute wird das Fest des Seemanns gefeiert. Die Yalorixa hat die Gestalt eines Matrosen angenommen und wird das Schiff besteigen. Dann wird sie in Bier gebadet.“
[Festatmo2] Mehrere Flaschen werden über ihren Kopf geleert. Das Ritual führen einige jüngere Frauen aus, auch „Töchter der Heiligen“ genannt. Die Yalorixa beginnt wie wild zu tanzen. Das Matrosenfest „Marujada“ hat in ganz Bahia Tradition. Der Legende nach haben es die Nachkommen zweier Sklavenfamilien aus einem afrikanischen Königreich eingeführt. Als ranghohe Offiziere verkleidet nahmen sie an den Festen zu Ehren katholischer Heiliger teil und konnten somit ihre eigenen sonst verbotenen Tänze darbieten. Nach dem Bierbad greift die Yalorixa in eine Schüssel mit weißem Mais und wirft ihn in die Luft. Ein paar Sylvesterkracher werden angezündet. Eine der Heiligentöchter stößt plötzlich einen inbrünstigen Schrei aus. Sie krümmt sich und verdreht die Augen. Einer der Orixas, der afrikanischen Gottheiten, hat sich – so glauben die Anhänger des Candomblé – ihres Körpers bemächtigt. Sie erlebt gerade einen Trancezustand. Zwei Frauen stützen sie und wischen ihr den Schweiß von der Stirn. Bei den übrigen Gästen scheint dieser Vorgang kein großes Aufsehen zu erregen. Sie klatschen und singen weiter.
2. O-Ton: “ Der Schrei, den die Person ausstößt, wenn sie einen Orixa empfängt, heißt Oela. Jeder Orixa hat seinen eigenen charakterischen Schrei. Es ist ein Begrüßungsruf des Gottes um sich anzukündigen. Es ist nicht die physische Person, die dort schreit, sondern die Gottheit, die sich in der Person materialisiert hat.”
So erklärt Agissé Franca Silva das Geschehen. Bereits als kleiner Junge hatte er an allen Festen des Terreiros teilgenommen hat. Als “Babalossain”, als Kräutermann des Terreiros, ist er heute für das Pflücken und Aufbereiten verschiedener Kräuter und Pfanzen für die Canadomblé-Rituale zuständig.
[Candomblé-Musik] Nach der Schöpfungslegende des afrikanischen Stammes der Yoruba schickte einst der oberste Gott Olodumaré die Orixàs los, damit sie die Erde erschaffen und besiedeln. Nachdem sie Städte gebaut und Nachkommen gezeugt hatten, kehrten sie wieder ins Jenseits zurück. Dort verwandelten sie sich in reine Kraft, in das Axé. An diesem Axé können die Menschen Anteil haben, wenn sie in ihren Ritualen die Gottheiten auf die Erde rufen. Das geht aber nur, wenn die Söhne und Töchter der Heiligen in Trance fallen. Zum Medium der Gottheit können nur Eingeweihte, jahrelang in den Kult Initiierte werden. Es gibt im Candomblé auch keine heilige Schrift, in der man darüber etwas nachlesen könnte, erklärt Agissé Fanca Silva:
3. O-Ton: „ Der Candomblé ist keine Wissenschaft, sondern eine gelebte Religion. Es ist ein Wissen, das von der Mutter an die Tochter und vom Vater zum Sohn weitergegeben wird über Generationen. Den Stamm bilden die älteren Personen. Sie sind so etwas wie die Bibliothek und haben einen unschätzbaren Wert.“
MUSIK: Die Sklavinnen und Sklaven, die von der portugiesischen Kolonialmacht im 17. und 18. Jahrhundert nach Brasilien verschifft wurden, stammten aus verschiedenen Teilen Afrikas mit jeweils eigenen Riten und Kulten. Erst in Brasilien wurde daraus eine gemeinsame Religion. Doch der afrikanische Götterhimmel wurde mit seinen über 600 Orixàs im Cadomblé auf 16 Gottheiten reduziert. Vorherrschend ist die Tradition der Yorubas. Die Götter repräsentieren dort wie im Candomblé Naturelemente wie Sonnestrahlen, Stürme, Blitze, Donner, Wasser aber auch ökonomische Aktivitäten wie Jagd und Landwirtschaft, sowie Krankheit, Tugenden und Werte. Der Gottvater Oxala wird beispielsweise auch „König des Himmels“ genannt. Xangô steht für Gerechtigkeit, sein Naturelement sind die Berge. Yemanja, die Königin der Meere symbolisiert Schönheit und Fruchtbarkeit, und Oxum, die Königin der Seen, Flüsse und Wasserfälle, steht für die Liebe. Die 16 Orixas im Candomblé werden durch Werkzeuge dargestellt, sagt der Kräutermann Agissé Franca Silva:
4. O-Ton: „Xangô, der König der Gerechtigkeit wird beispielsweise durch eine Axt mit zwei Flügeln abgebildet. Ogum, der König des Krieges durch eine Machete, der Jäger Ochossi der Gott der Wälder, durch Pfeil und Bogen, er ist ein Jäger. Das Zepter steht Oxala, dem König des Firmaments, dem Gottvater aller Orixas.“
In den Augen der katholischen Kirche und der portugiesischen Kolonialmacht hatten die Sklaven keine Kultur. Das Praktizieren ihrer Rituale war daher strengstens verboten. Der Franziskaner-Mönch Hugo Fragoso lehrte früher an der katholischen Universität von Salvador da Bahia die Geschichte seiner Kirche. Er berichtet, dass die katholische Kirche sehr lange brauchte, bis sie ihre fundamentalistische Sichtweise ablegte:
5. O-Ton: „Dies geschah erst mit dem 2. Vatikanischen Konzil und in Lateinamerika erst durch die Bischofskonferenz von Medellin und Puebla. Dort wurde das erste Mal verkündet, dass die afroamerikanischen Religionen ein Wertesystem haben, das die Präsenz Gottes in Ansätzen repräsentiert, doch lediglich im Keim.“
Um den sog. „Ungläubigen“ die Lehre der katholischen Kirche näher zu bringen, zogen die Jesuiten Parallelen zu katholischen Heiligen. Dies wurde zwar von den Sklaven angenommen, führte jedoch keineswegs zur Aufgabe ihrer eigenen Götter.
So entstand ein bis heute gelebter Synkretismus. Jedem der Orixas ist ein katholischer Heiliger zugeordnet. Die Heilige Barbara beispielsweise ist die Gewittergöttin Iansa. Der Heilige Georg wird mit dem Kriegsgott Ogum assoziiert. Wie sehr der Katholizismus mit afrikanischem Brauchtum heute vermischt ist, zeigen die zahlreichen religiösen Feste der Stadt Salvador. “Lied für Oxala” einbleden (Cadomblé-Musik)
Wenn bei der „Lavagem do Bonfim“ alljährlich im Januar die Kirchentreppe der Bonfimkirche mit parfümiertem Wasser gewaschen und mit Blumen geschmückt wird, feiert ganz Salvador mit. Ein Pilgerzug führt durch die ganze Stadt zur Kirche. Angeführt wird er von den Baianas, den Frauen in ihren weißen, weiten bis zu den Fußknöcheln reichenden Candomblé-Kleidern. Aguas de Oxala“, Wasser des Oxala, wird die Pozession auch genannt. Ursprünglich befahlen die weißen Herrscher ihren Untertanen am Vortag eines Kirchenfestes, die Treppe blitzblank zu scheuern. Geblieben ist ein Fest, bei dem zwar noch immer viel gewaschen, aber auch viel getanzt und gesungen wird. Die Türen der katholischen Bomfim-Kirche blieben für die Feiernden allerdings lange Zeit verschlossen, sagt der Franziskaner-Mönch Hugo Fragoso:
6. O-Ton: „Es war ein widersprüchliches Bild. Die Kirche war leer und verriegelt und draußen tanzte die Masse. Die Bischöfe führten dann eine Reform durch, in der es generell verboten wurde, die Türen der Kirche zu verriegeln. Es war eine symbolische Öffnung und so wurde die Kirchenwaschung als ein Akt christlicher Reinigung inkorporiert. Generell kann man sagen, dass die katholische Kirche zwar versuchte die Schwarzen zu erobern, doch letztlich waren es die Schwarzen, die die Kirche für sich eroberten.“
In ihren Grundprinzipien haben Candomblé und Katholizismus nicht viel gemein. Im Candomblé gibt es zum Beispiel keine Moralvorstellung und daher auch keine Sünde. Das Gewissen wurde in die Götterwelt ausgelagert. Jeder Orixà vereint in sich gute und böse Charaktereigenschaften. Exu zum Beispiel, der Orixà des Feuers, wird oft mit dem Teuflischen gleichgesetzt. Er sät Intrigen und Missgunst zwischen den Menschen und wenn irgendwo ein Streit ausbricht, dann steckt – so glauben viele Baianer – bestimmt Exu dahinter. Doch während der Teufel im Christentum bekämpft und ausgetrieben werden muss, geht es im Candomblé darum, Exu zu besänftigen. Vor jeder Unternehmung wird zu allererst ihm ein Opfer gebracht, denn wenn Exu zufrieden ist, so die volkstümliche Annahme, hat er weniger Lust, Unheil zu stiften. Dazu wird ein rituelles Lied gesungen. [Lied für Exu]
Der Heiligen-Vater Pai Mao, Leiter eines kleinen Terreiros am Stadtrand von Salvador, erklärt es:
7. O-Ton: „Die Musik ist eine Form der Kommunikation mit dem Orixa. Wenn wir für Exu ein Huhn geopfert haben, dann singen wir: Êêh olha lá zéco zéco, olha zéco li ah… Wir singen: Exu nimm, was wir Dir geben! Êê é um giro uma vila um gire mavambú, é compensoeia. Wir bitten ihn, sich auf die Suche zu machen, nach dem was wir brauchen. Wir bitten ihn, unsere Feinde zu besiegen, und unsere Ziele im Weltkreislauf zu erreichen.”
Das Terreiro von Pai Mao, der mit richtigen Namen Antonio Batsita heißt, liegt mitten in einer Favela. Hier gibt es keine befestigten Straßen, wenn es regnet, versinkt man im Schlamm. Das Terreiro wirkt bescheiden. Im Garten neben seinem Haus steht ein kleiner Altar aus rohen Ziegelsteinen, wo Pai Mao die Tiere für die Opferbringung schlachtet. Familienmitglieder und Nachbarn schlagen dabei die Trommeln. In einem schlichten Kultraum ohne Wandbemalung empfängt er Gäste. Sein Terreiro ist nicht das einzige in der Siedlung, doch der Bedarf scheint groß. Viele Leute aus der Gegend bitten ihn um Rat bei Krankheiten oder vor wichtigen Entscheidungen.
8. O-Ton: „Die Funktion des Heiligen Vaters, des Babalorixa oder der Heiligenmutter Yalorixa, ist die Kenntnis über das Infa. Es sind die Geschichten aus dem Leben der Orixas, alles, was der Orixa erlebt und gelebt hat. Um herauszufinden was in einer bestimmten Situation zu tun ist, befragen wir das Infa. Es ist eine weitere Form, in der wir mit den Orixas kommunizieren.“
Pai Mao holt 16 kleine Kauri-Muscheln hervor und wirft sie auf den Tisch.
Je nachdem wie die Muscheln fallen, weisen sie auf eine bestimmte Geschichte oder einen bestimmten Spruch hin. Die wichtigste und erste Frage ist immer die nach dem persönlichen Orixà.
9. O-Ton: “Jede Person hat einen Orixa an ihrer Seite. Dieser kann als eine Art Schutzengel definiert werden. Je nachdem welche Charaktereigenschaften und äußerlichen Merkmale eine Person hat, entscheidet sich welchem Orixa sie angehört.“
In gewisser Weise ähnelt der Götterkult des Candomblé den Sternzeichen der Astrologie. Wer den eigenen Orixa kennt, kann im Candomblé durch Rituale und Opfergaben die Kraft seines Orixa für sich nutzen. Die Opfer werden in Form von Essen gebracht, wobei die Vorlieben der Gottheit zu berücksichtigen sind, genauso wie seine Lieblingsfarbe, seine Symbole und seine Musik. Für den normalen Candomblé-Gläubigen ist es unmöglich, das gesamte rituelle System zu überblicken. Das muss er auch nicht, denn im Zweifelsfall kann er immer den Candomblé-Geistlichen seines Vertrauens aufsuchen. Und davon gibt es in Brasilien viele. Nach Angaben der nationalen Föderation für afro-brasilianische Kulte gibt es im gesamten Bundesstaat Bahia über 5000 registrierte Terreiros und noch mal an die 1500 weitere im restlichen Brasilien. Der Candomblé ist keine Religion mehr für Außenseiter, sondern vor allem in Bahia ein fester Bestandteil der Musikkultur. Davon zeugen auch viele Lieder erfolgreicher brasilianischer Bands.
Weitere Links zum Thema:
Auch in Berlin gibt es eine Candomblé-Tempel. Mehr dazu auf der Webseite: http://candomble-berlin.de/
Der Berliner Candomblé-Tempel wird vom brasilianischen Kulturverein Forum Brasil betrieben. Mehr zu auf der Webseite: http://blog.forum-brasil.de/
Der 20. Januar 2009 ist ohne Zweifel ein besonderer Tag in der amerikanischen Geschichte. Der erste schwarze Präsidente wurde feierlich ins Amt eingeführt, dazu noch einer der cool, sexy, witzig und dabei auch intelligent wirkt. Eine bisher seltene Kombination für amerikanische Präsidenten, überhaupt für Staatsoberhäupter weltweit. Was für ein Glück, dass ich mich zufälligerweise gerade beruflich mit Kollegen in Washington aufhielt und die Amtseinführung live miterleben konnte! Hier mein kleines Fototagebuch…
06:00 Uhr Morgens. Sonnenaufgang hinterm Washington Monument… so früh musste man raus, um einen guten Stehplatz auf der Mall zu bekommen…
….außerdem wollten wir noch einen Kollegen vom ARD-Hörfunk besuchen…
Von außen ein romantischer Blick auf die Arbeitstätte der ARD-Hörfunkjournalisten….
…von innen sah der Container alles andere als romantisch aus….
Hier sitzt der MDR-Korrespondent Frank Aischmann, der an diesem Tag arbeiten musste..
Nächtliches Campieren am Lincoln-Memorial für einen guten Platz in der Mall..
20. Januar 2009 – Die Sonne geht auf in Washington!
Kurz nach Sonnenaufgang begann bereits der Präsidentenkarneval…
…Barack-Hippes fluten die Mall ….
..morgendliches Tuten für den Wandel!
… zum Glück es gibt auch ganz normale Barack-Fans…
Beliebte Frage auch am 20. Januar: “Where do the ducks go in the winter time?”
…. wer seine Bettdecke mit gebracht hatte, war bei diesen Temperaturen wirklich zu beneiden….
Der 44. Präsident verlangt einem ganz schön was ab: Warten am frühen Morgen bei gefühlten -25 Grad, dazu eisiger Wind…… aber das hindert niemanden daran zur Mall zu kommen…. Pflichttermin für die ganze Familie!
…unter der Decke ist es erträglicher….
… dicht an dicht hält auch warm…
..Reisebusse karren immer mehr Menschen an…. es wird richtig eng in manchen Seitenstrassen..
… Popcorn zur Feier des Tages…
… in einer Seitenstrasse werden noch die letzten Obama-Artikel verhökert…
Der Obama-Slogan lässt sich aber auch wirklich auf alles anwenden!
auf der Mall geht es derweil schon richtig ab. Oh-Bama! Wann kommt er endlich?
Clever! Warum sich die Hände abfrieren?
Fahnenmeer vor dem Capitol…. die Amtseinführung rückt näher..
…noch näher…
..noch näher…
noch näher………. Gespanntes Warten!
Perfektes Szenenbild… Spielberg hätte es nicht besser hinbekommen!
Endlich! Der neue Präsident spricht zu seinem Volk…
Eisige Kälte… doch niemanden stört´s, alle hören gebannt zu!
Share your video on YouTube…
Doch zunächst muss er ins Amt eingeführt werden:
Präsidenten -Eid, die Erste!
(Der zweite Anlauf fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt..)
Freude..
Frenetische Freude!
One moment in history..
Freude ohne Ende..
Amerika -Land der Leidenschaft!Der Tag hat sich gelohnt!
für die großen amerikanischen Networks sicher auch…
Reporter im Dauereinsatz….
Einige folgen ihren Interviewopfern bis aufs Dixy-Klo…
…kein Entkommen für Promis! Der ultmative Humortest….
“Wie war es auf der Toilette, Mam?”
Das ist ja wohl ein Witz, oder?
Das hier sicher nicht!
Der Künstler hat es bestimmt gut gemeint….
Seit dem 20. Januar 09 wieder ein beliebtes Motiv für Washington-Besucher…. The White House!
Das Internet ist in China eines der am rasantesten anwachsenden Medien und Märkte. Seine Verbreitung ist zwar im Vergleich zu westlichen Ländern noch relativ unterentwickelt – nur 12,3 % aller Chinesen haben Zugang zum WorldWideWeb: Doch die Userzahlen steigen stetig. Von denen, die das Internet bereits nutzen, schreiben 20 Prozent ein eigenes Blog oder sind mit selbst gedrehten Videos auf verschiedenen Plattformen online. Auf der Route Peking – Wuhan – Shanghai – Hong Kong habe ich mich zusammen mit meinem Kollegen Jörg Wagner auf eine Spurensuche der Hauptakteure des chinesischen Internets begeben. Die Recherchen haben wir auf unserer Weltreise im Rahmen des Projektes “Die reale Reise ins Web 2.0″ gemacht. Interviews und Eindrücke, die wir nicht in unseren zwei Doku-Reportagen unterbringen konnten, die wir aber trotzdem interessant und wichtig fanden, haben wir in diesem Feature verarbeitet, natürlich gibt es auch thematische Überschneidungen mit unseren zwei TV-Reportagen. Internetcafé in Peking: Pilgerstätte für Spielfanatiker vor allem für World-of-Warcraft-Fans.
Das Hörfunkfeature „Dollarmillionäre oder Hausarrest – China und das Internet“ erzählt die erfolgreichen und tragischen Geschichten von Menschen, die mit dem Internet berufliche und persönliche Hoffnungen verbinden: Für mache von ihnen haben sich die Träume bereits erfüllt. Sie sind in China mit dem Internet Millionäre geworden. Andere sehen damit die Chance, sich kreativ auszuleben und haben im Kreis der Video-Blogger Ruhm erworben. Wieder andere, die versuchen die Medienzensur durch das Internet zu umgehen und durch das Schreiben eines Blogs eine politische Gegenöffentlichkeit aufzubauen, sind kläglich gescheitert. Sie werden verfolgt und unter Druck gesetzt.
Zum Nachhören:
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Das Feature wurde im März 2008 beim Bayerischen und Saarländischen Rundfunk ausgestrahlt.
Feature: “Von Dollarmillionären und Hausarrest”
Als wir uns in Berlin, um ein Journalistenvisum für China beworben hatten, sollten wir zunächst bei einer Tee-Audienz dem Presseattaché der chinesischen Botschaft den Grund unserer Reise schildern. Er wollte ganz genau wissen, wen wir wann und wo interviewen wollen. Doch man hatte uns geraten bei diesem Gespräch die Karten bedeckt zu halten, und nichts von unserer Spurensuche des chinesischen Internets und seinen Akteuren zu verraten. Das Internet gehört in China zu den sensibelsten Themen. Die Kommunistische Partei investiert jedes Jahr Millionen von US-Dollar in Filtersysteme und andere Kontrollmechanismen. Über 30.0000 Internetpolizisten überwachen chinesische Webseiten und verfolgen Internet-Dissidenten.
Aufseher in einem Pekinger Internetcafé.
Wir erzählten dem Presseataché also nichts von unserem Vorhaben und murmelten irgendetwas von Kulturberichterstattung. Schließlich verlangte er eine Liste mit allen technischen Geräten unserer journalistischen Ausrüstung. Wir pochten immer wieder darauf, dass sich seit dem 1.1.2007 die Gesetze Dank der Olympischen Spiele geändert hätten und wir demnach in China jeden interviewen dürften, ohne dass es vorher einer Anmeldung bedarf. Widerwillig stellte man uns die Visa aus. Unsere Profikameras sollten wir jedoch nicht mitnehmen dürfen. Dafür wollte man uns die Genehmigung nicht erteilen, mit der Begründung: wir seien nur Radiojournalisten. Wir nahmen sie trotzdem mit!
Ankunft am Pekinger Flughafen.
Wir stehen in der riesigen Ankunftshalle am Pekinger Flughafen. Alles wirkt hier perfekt durchorganisiert. Wir stellen uns an eine der zehn Reihen an, bei denen Flachbildschirme mit der Schrifteinblendung „Foreigners“ angebracht sind. „Please wait behind the yellow line.“ Es dauert nicht lange und wir stehen vor dem Sicherheitsbeamten, dem wir unsere Pässe und Visa rüberreichen. Er schaut gelangweilt zu uns auf und schiebt uns die Papiere nach einer kurzen Durchsicht wieder zurück. Er deutet auf eine Tastatur hin, die am Kontrolldesk angebracht ist: „Sie wurden schnell und freundlich bedient“, „Sie wurden schnell bedient“, „Sie mussten warten“, „Sie wurden unfreundlich bedient und mussten lange warten“. Das sind die Optionen zwischen denen wir wählen sollem. Wir drücken den Knopf: „schnell bedient“ und werden durchgewunken. Niemand fragt uns nach unserem Equipment, geschweige denn, was wir vorhaben, wohin wir wollen. Wir haben mit allem gerechnet, nur nicht damit, dass wir die Arbeit unseres Kontrollbeamten offenbar für den sozialistischen Wettbewerb beurteilen dürfen.
Peking im Industriesmog versunken.
In Peking ist der Sitz der Firma „3G CN“, des Marktführers bei internetbasierten WAP-Inhalten für Handys. WAP – kurz für Wireless Application Protokoll – bezeichnet die Technologie, mit der man Internetseiten auf Mobiltelefonen abrufen kann. 3G, drei G, steht für das Mobiltelefon der dritten Generation, mit dem man nicht nur einfach telefonieren, SMS, Fotos und E-Mails verschicken, sondern auch auf speziellen Seiten im Internet surfen und Fernsehen anschauen kann.
Ein chinesischer Polizist beim Telefonieren.
Die Multimedia-Handys sind in China der Trend. Von 455 Millionen chinesichen Handybesitzern nutzt bereits ein Drittel den multimedialen WAP-Dienst. Wir fahren mit dem Taxi zum Hauptquartier der Firma 3G CN, in die Innenstadt, ins Universitätsviertel Haidian. Auf den mehrspurigen Autobahnen rauschen gigantische, Gebäude an uns vorbei, eines protziger als das andere. Man könnten denken, sie sind die neuen in Beton und Glas beronnenen Wahrzeichen einer mit ihren Muskeln protzenden Weltmacht. Viele der traditionellen chinesischen Häuser mit den geschwungenen Dächern, die aneinander gereiht in den für Peking typischen engen Gassen standen, mussten der neuen Architektur weichen. Das Taxi hält schließlich vor einem Wolkenkratzer, dem TriTower.
Er hat nichts dagegen, dass ich ihn dabei filme.
Wir fahren mit dem Fahrstuhl in den 21. Stock. Dort begrüßt uns freundlich die Empfangsdame von 3G und führt uns in einen Konferenzraum mit großen Fenstern. Von hier oben sieht man erst wie dicht der Industriesmog den Himmel über Peking bedeckt. Die Gebäude der gegenüberliegenden Strassen sind nur in Umrissen zu erkennen. Doch Oh Wunder hier gibt es eine Heizung, was in Peking eher selten vorkommt.
Lei Wang, CEO der Firma 3G.
Ein junger Mann mit einer flauschigen Igel-Frisur, in Krawatte und Anzug, kommt zur Tür herein und streckt uns die Hand entgegen „Lei Wang“, stellt er sich vor. Er ist der Chef von 3G. Wir schätzen ihn auf Anfang 30. Das Durchschnittalter seiner Mitarbeiter dürfte noch niedriger sein. Das sei kein Zufall lässt er uns über seinen Übersetzer erklären 90% seiner Kunden sind unter 30, die Hauptnutzergruppe, die seinen WAP-Dienst nutzt sei zwischen 19 und 25 Jahren alt. Wir fragen Lei Wang, was die Gründe für die steigenden Zuwachsraten für WAP-Dienste sind: “Es gibt von der Masse einfach so viele User. Die meisten wissen jedoch nicht, wie ein PC funktioniert oder können sich keinen leisten, aber alle Handys nach 2000 sind mit WAP-Funktion ausgestattet. Die Mobilfunkanbieter vermarkten WAP sehr stark, haben viele coole Sachen auf ihren Webseiten und haben die Preise gesenkt.“
Ich interviewe gerade Lei Wang mit Hilfe eines Übersetzers.
Der Preis für ein normales Monats-Abo liegt bei 20 RMB, das sind 2 Euro. Auf Grund der geringeren Gehälter in China ist dies eher teurer als in Deutschland mit rund 5 Euro monatlichen WAP-Kosten. Doch offenbar sind es die „coolen Seiten“, die den PC-Ersatz so attraktiv machen. Spitzenplätze nehmen Nachrichten und digitale Bücher ein. Am beliebtesten sind phantastische Erzählungen wie „Herr der Ringe.“ Aber auch von Usern selbst geschriebene Romane sind im Kommen. Dennoch ist die Frage, warum soll man mit seinem Handy ein Buch lesen, wenn man auch bequem ein normales Buch lesen könnte. „Es ist bequemer Geschichten mit dem Handy zu lesen. Das Handy hat man doch immer und überall dabei. Wenn man lesen möchte, ist es einfacher jederzeit und an jedem Ort die Inhalte runterzuladen“, sagt Lei Wang.
Ein Videoblog über unseren Besuch bei 3G, produziert von unterwegs.
Das Lesen der filigranen chinesischen Zeichen auf einem kleinen Handy-Display scheint keine Probleme zu bereiten. Lei Wang holt sein Handy aus der Hosetasche und gibt uns eine kleine Vorführung. Auch Fernsehen kann man diesem High Tech Mobilfunkgerät. Doch das Abrufen von TV-Inhalten und Musikvideos ist noch nicht soweit verbreitet, sagt Lei Wang. Den richtigen Durchbruch für das Handy TV erhofft er sich durch die Olympischen Spiele, mit einem eigenen olympischen Handy-TV- Kanal. „Wir sind die ersten die einen Olympischen Kanal gestartet haben, mit Nachrichten und Vorberichten zu den Olympischen Spielen.“
Blick aus dem Fenster des Konferenzraumes von 3G: Smoggggggg everywhere!
Wir verabschieden uns und machen uns auf zu unserer nächsten Verabredung nach Wuhan, in die Hauptstadt der Provinz Hubei, ungefähr 3 Flugstunden von Peking entfernt. Der Abschied von Peking fällt uns nicht schwer, die bleierne Smogdecke, hat uns die letzten Tage ein wenig depressiv gemacht.
Die Internetmillionären Ailin Gräf.
In Wuhan sind wir mit der Deutsch-Chinesin Ailin Gräf verabredet. Sie machte international Schlagzeilen, weil sie im Onlinespiel „Second Life“ eine Million Dollar verdiente. Sie ist damit die erste Second-Life-Millionärin im First Life, dem richtigen Leben. Second Life – das zweite Leben – ist eine dreidimensionale Computer-Plattform im Internet, auf der sich jeder seine eigene virtuelle Welt gestalten und sich in ihr bewegen kann. Dazu gehört auch das Gestalten einer eigenen Online-Identität, Avatar genannt. Für die meisten ist es eine Flucht vor ihrem ersten Leben. Andere verwirklichen darin ihre Träume. Wie auch Ailin Gräf.
Wuhan by night…
Wir tauchen zunächst in die wirkliche Welt von Wuhan ein. Erneut sind wir umgeben von einem Smog-Gemisch aus bitterem Industrienebel und kaltem Nieselregen. Im Vergleich zu Peking erscheint in Wuhan alles eine Nummer bescheidener. Die Häuser sind nicht ganz so hoch und protzig. Der Umgang mit den Menschen ist weniger umständlich, wir haben das Gefühl, wir können uns hier irgendwie besser verständigen.
Ailin Gräf alias Anshe Chung kommt uns entgegen.
„Anshe Chung Studios“ lesen wir auf dem Türschild im 12 Stock eines modernen Hochhauses im Zentrum Wuhans und treten ein. In einem großen unbeheizten Zimmer mit kahlen weißen Wänden angestrahlt von einem grellen Neonlich sitzen rund 50 junge Chinesen und Chinesinnen in dicken Pullovern und Annoraks vor schwarzen Flachbildschirmen. Eine zierliche hübsche Frau, mit langen schwarzen Haaren, in einem eleganten schwarzen Lederkostüm geht auf uns zu. Sie stellt sich in einem gebrochenen Deutsch mit Ailin Gräf vor.
In den Büroäumen von Anshe Chung Studios hängt ein Artikel über Ailin Gräf aus der Zeitschrift Business-Week.
An der Wand hängt ein Titelbild der US-amerikanischen Zeitschrift Newsweek mit einem Foto von ihr und der Überschrift „Virtuelle Welt –echtes Geld“. Mit ihrem Avatar Anshe Chung erschuf sich Ailin Gräf nicht nur eine zweite Identität, sondern auch chinesische Landschaften und Dörfer. Sie sehnte sich nach ihrem Heimatland China. Zu dieser Zeit lebte sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern noch in Heidelberg. Sie fand in Second Life eine neue Welt, in der sie alle ihre Sehnsüchte verwirklichen konnte. Neben chinesischen Tee- Häusern, erschuf sie Inseln, sogar ganze Kontinente, die sie „Dreamland“ nannte. Mitspieler wurden auf Dreamland aufmerksam und wollten ihre Inseln, Immobilien, Wälder kaufen und bezahlten dies mit der Secondlife Währung Linden-Dollar.
Auf dem Bildschrim entstehen virtuelle Welten.
Irgendwann hatte Ailin Gräf so viele Linden-Dollar verdient, dass sie das virtuelle Geld in US-Dollar zurücktauschen wollte und mit einem Schlag eine Million US-Dollar auf ihrem Konto hatte. Was als Spiel begann entpuppte sich als lukrative Marktlücke. „Ich denke damals habe ich damit nicht gerechnet, aber jeder Mensch hat Potentiale und Fähigkeiten. Es ist einfach so gekommen. Jeder Mensch hat auch Träume im Leben. Für mich ist es auch so, im echten, im First Life, manche Sachen, auch durch physikalische Einschränkungen, nicht verwirklichen können, zum Beispiel auch was wir gemacht haben, dieses „Dreamland“, diese chinesische Landschaft, das man einfach viele Idee verwirklichen können.“
Unternehmerin Ailin Gräf hat selbst mal virtuelle Welten am PC entworfen.
Sie zog von Tübingen in ihre chinesische Heimatstadt Wuhan. Aus Anshe Chung wurden die Anshe Chung Studios ein Software-Unternehmen mit 50 Mitarbeitern, billige und ausdauernde Arbeitskräfte, steuerlich unterstützt durch den chinesischen Staat. Unter Anleitung von Ailin Gräf programmieren sie zuerst Gittermodelle und dann täuschend echte, fast fotorealistischen 3D-Welten. Unter den Kunden auch das Bundesland Baden-Württemberg, das sich in Secondlife eine eigene Repräsentanz erschaffen lässt. In einem virtuellen Miniatur-Dorf sollen Seconlifespieler auf landeskundliche Entdeckungsreise gehen und sich zum Beispiel auch ein klassisches Reetdachhaus anschauen können. In Arbeit auch Schloss Heidelberg innerhalb von ein paar Tagen detailgetreu nachgebaut. Ailin führt uns stolz durch ihre Büroräume. Wir bleiben vor einem Bildschirm stehen, an dem eine Junge Chinesin, Anfang 20 sitzt, und konzentriert einen Canapé in der Form einer eleganten Damensandalette entwirft.
Das Durchschnittsalter ihrer Mitarbeiter liegt bei Anfang Zwanzig.
Das virtuelle Möbelstück ist auch auf „Secondlife“ zu erwerben in Alin´s eigenem virtuellen Möbelshop. Ein Doppelklick genügt und es öffnet sich ein Fenster mit dem Buttom „Buy“. Ein weiterer Click genügt und man hat den virtuellen Cannapé gekauft, um zum Beispiel die eigene Luxusvilla unter Palmen auf einer abgelegenen Insel damit einzurichten. Das kann süchtig machen, erzählt uns Ailin Gräf: „Ich habe auch tatsächlich noch Spieler kennen gelernt, die auch mehr Zeit im Seconlife verbracht haben als im echten Leben. Aber ich verzichte nicht auf mein echtes Leben. Ich gehe auch an die frische Luft und gehe auch spazieren, dass ich nicht einfach nur in dieser Computerwelt bin. Ich meine, dass hat auch Reiz sicher, aber das ist nicht nur der einzige Teil meines Lebens.“
Die Internetmillionärin kann auch das echte Leben genießen….
Ailin verdient inzwischen soviel Geld, dass sie sie sich ihre Träume im echten Leben verwirklichen kann. Wir begleiten sie in ein traditionelles chinesisches Teehaus. Hier kommt sie her, wenn sie Entspannung sucht. Wir betreten einen Raum, in dem Tische und Stühle aus dunklem edlem Holz und kunstvollen Schnitzereien separate Sitzecken bilden. Rote Lampinions hängen von der Decke, Orchideen schmücken den Raum. Ein attraktives junges Mädchen mit rot lackierten Fingernägeln kommt zu uns an den Tisch. Sie ist unsere Teeserviererin. Die Zeremonie beginnt: mit tänzerischen Handbewegungen nimmt sie jede kleinen Tassen einzeln in die Hand und schwingt sie in der Luft wie einen Fächer während sie dabei einen Gebet spricht.
… zum Beispiel den Besuch in einem traditionellen chinesischen Teehaus.
Dann nimmt sie eine kIeine Schaufel aus dunklem Holz zwischen ihre zierlichen Finger, mit der sie nach und nach die losen Blätter des grünen Tees aus einer Schachtel pickt. Sie gießt dampfendes Wasser in die Teekanne mit den losen Blättern. Es duftet aromatisch. Den zweiten Aufguss dürfen wir trinken. Eine angenehme Ruhe erfüllt uns und macht sich im ganzen Raum breit. Auch Ailin Gräf scheint diese Zeremonie zu genießen. Angesichts dieser Sinnlichkeit fragen wir sie, ob es nicht viel schöner im echten Leben ist? Sie erzählt uns, dass für sie manchmal die Grenzen zwischen Second und First Life verschwimmen. Dann kommt wieder die tüchtige Geschäftsfrau in ihr durch und sie antwortet als würde sie darüber nachdenken, wie sie auch in Zukunft Millionen verdienen kann:„Die Technik ist heutezutage noch nicht so weit, dass man sagen kann, dass man im Second Life auch Tee trinken kann, aber wer weiß.“
Videoblog über den Besuch bei Ailin Gräf alias Anshe Chung, produziert von unterwegs.
Unsere nächste Station ist Shanghai. Die zweitgrößte Stadt Chinas mit 16 Millionen Einwohnern, wirkt sehr futuristisch mit Wolkenkratzern und Türmen, die alle so aussehen, als seien sie von Schriftstellern utopischer Literatur entworfen. Ein Haus erinnert an ein USB-Stick, ein anderes an eine zukünftige Pumpstation auf dem Mars. Dazwischen sehr europäische, konventionelle Bauten. Die auch in Paris oder Wien stehen könnten.
Shanghai after work…
Wir treffen die Gründer Chinas erfolgreichster Videoplattform im Internet „Toudou“, das chinesische Pendant von YouTube. Der Holländer Marc van der Shijs und sein chinesischer Kompagnon Gary Wang erwarten uns in der Zentrale von Tudou, in einem modernen röhrenförmigen Loft. An den Außen und Innenwänden leuchten farbenfrohe Graffitis und versprühen eine kreative Atmosphäre. Marc van der Shijs, ist 34 Jahre alt, mit einer Chinesin verheiratet und lebt seit 7Jahren in China. Der ehemalige Daimler-Chrysler-Manager verdient heute sein Geld ausschließlich mit dem chinesischen Internet: ihm gehören neben Tudou, eine Dating-Webseite und eine Online-Gaming-Firma. Gary Wang hat in Amerika Informatik studiert und ist knapp über dreißig.
Der Holländer Marc van der Shijs und sein Geschäftspartner Gary Wang von Tudou.
Für das Interview klettern wir auf das Dach des Gebäudes. Von oben bietet sich eine seltsame Kulisse: der Nebel klebt wie ein nasser Schleier zwischen den hässlichen Wolkenkratzern am Horizont. Direkt vor uns liegt ein Häusermeer aus kleinen Steinhütten mit grauen Dächern. Wir blicken auch auf einen Schulhof auf dem, 20 Kinder in Reih und Glied stehen und offensichtlich den sozialistischen Fahnengruß zu begehen. Gary Wang erzählt uns, die Idee für eine Videoplattform kam den beiden beim Golfspielen vor drei Jahren sogar noch bevor es YouTube überhaupt gegeben hat. “Es lief bei uns wie bei den meisten Start-Ups. Wir dachten: Hey das hört sich irgendwie cool an. Eine Marktanalyse haben wir vorher nicht gemacht, schließlich gab es so etwas Vergleichbares noch nirgendwo auf der Welt. Also haben wir einfach losgelegt.”
Die beiden Geschäftsleute auf dem Dach ihres Büros.
Doch was macht Toudou in China erfolgreicher als YouTube fragen wir Marc van der Shijs: “Der größte Unterschied ist, dass Tudou ein komplett chinesisches Portal ist. Alles ist auf Chinesisch und es ist auch nichts auf English. (Cut) Ausländische Firmen, die in China tätig sind, machen öfters den Fehler, dass sie versuchen die englische Webseite zu übersetzen und dann eins zu eins zu kopieren. Das funktioniert nicht. Mann muss eine Webseite machen, die nur für China gut ist. Die Webseiten sehen hier auch ganz anders aus, sind viel mehr mit Farben, sind viel beweglicher.”
Eingang zu den Büroräumen von Toudou.
„Tudou“ heißt auf Mandarin Kartoffel, analog zur „Couch Potato“, die nun nicht mehr vor dem Fernseher hockt, sondern kleine Videofilme auf dem Computerbildschirm anschaut. Rechts oben auf der Internetseite tudou.com blickt einen eine orangefarbene Maske an – das Logo von Tudou und Sinnbild für Darstellende Kunst in China. „Jeder ist Regisseur des eigenen Leben“, steht in chinesischen Schriftzeichen daneben. Außer politischer Videos, in denen das Regime kritisiert wird und Clips mit pornografischen Inhalten sind Videobloggern keine Grenzen gesetzt. Die meisten Videos, die Benutzer auf Todou hochgeladen haben, sind keine Amateurvideos, sondern , besonders beliebt sind zum Beispiel Ausschnitte aus populären Serien und Musikvideoclips vor allem koreanischer Popstars. Doch auch der „user generated content“, Amateurvideos, die Benutzter von sich und ihrer Umwelt gedreht haben, nimmt zu.
Screenshot aus dem Internet: Die Internetseite Tudou.
Besonders beliebt sind selbst gedrehte Karaoke-Videos oder Clips, in denen User tanzen. Die neuen Medien haben auch in China einen kulturellen Wandel bewirkt. Die Scheu, sich von der Masse abzuheben und sich öffentlich darzustellen, sei vor allem bei der jungen Generation überwunden erklärt, Gary Wang. Im Vergleich zur westlichen ist die chinesische Kultur vielleicht ein bisschen introvertierter, aber die neue Generation und ich denke vor allem an alle nachkommenden Generationen nach der Einführung der Ein-Kind-Politik in den 80iger Jahren sind viel individualistischer, extrovertierter und haben kein Problem sich zu präsentieren. Ich glaube, dass dieser Trend anhalten wird und vielleicht sind sie in ein paar Jahren sogar individualistischer als ihre Altersgenossen in westlichen Ländern.
Screenshot aus dem Internet: User generated content auf Tudou, Videos, die Internetuser selbst produziert un dauf die Seite gestellt haben.
Anders als bei YouTube entscheiden die User selbst, welche Videos “gefeatured”, also auf die erste Seite kommen. Unter den Videos mit den höchsten Bewertungen sind auch immer Pannenvideos, oder Videos, mit lustigen Inhalten. Was in China als komisch empfunden wird, das ist für den Holländer Marc van der Shijs, Mitbegründer von Todou, ganz klar eine kulturelle Geschmacksfrage. Für ihn ein Grund, warum die anglo-amerikanisch dominierte Video-Archiv-Seite YouTube in China nicht erfolgreich ist. Die Kulturunterschiede kann er an sich selbst beobachten: “Der Humor ist ganz anders, viele Dinge, die man hier anschaut, also ich finde, die nicht unbedingt komisch. Es sind viele Filme, die sehr populär sind in China, die ich überhaupt nicht interessant finde. Wobei wenn ich YouTube-Filme anschaue, dann denke ich: hey, die sind echt gut. Humor, den man in China viel sieht, sind Leute, die einen Unfall haben oder so, über solche Dinge wird viel gelacht hier. Oder es ist Humor, den man in Europa vielleicht in den 50iger, 60iger Jahren gut gefunden hat.”
Screenshot aus dem Internet: Das Logo von Tudou . Eine Maske.
Das Videoportal Tudou soll sich in den nächsten Jahren ganz durch Werbung finanzieren. Bevor ein Video beginnt sollen 8 bis 10 Sekunden lange kommerziell Werbespots gezeigt werden. Bei rund 55 Millionen angeklickten Videos pro Tag könnte das ein lukratives Geschäft werden. Doch ist die Zahl der Werbekunden noch nicht gewinnbringend. Die Unternehmer konzentrieren sich vor allem auf eines: ihre Marktführerposition zu behaupten: “Unser einziges Ziel ist es im Moment zu wachsen. Man kann nur wirklich Geld in China verdienen, wenn man die größte Webseite in China ist. Das sind wir jetzt auch, aber wir möchten noch weiter wachsen. Nur die absolute Nummer 1 kann sehr viel Geld verdienen in diesem Land.” Wachsen, heißt für Tudou vor allem, dass immer mehr Leute ihre Videofilme auf Tudou hochladen und anschauen. Bisher scheint das Konzept für die Tudou-Gründer Marc van der Shijs und Gary Wang aufzugehen: Laut Nielson Rating ist Tudou.com heute eine der am schnellsten wachsenden Internetseiten im gesamten Worldwideweb. Aus dem ehemaligen Garagen-Internet-Start-up ist ein Internetunternehmen mit rund 40 Mitarbeitern geworden, Auf ein Milliarden Übernahme-Angebot von Google warten die Gründer erst gar nicht. Sie verlassen sich lieber auf das eigene Gespür für den chinesischen Internetmarkt.
Eddie Xu, Videokünstler aus Shanghai, postet seine Videos regelmäßig auf Tudou.
Kommerzielle Gedanken machen sich der 29jährige Feng Lui und der Videokünstler Eddi Xu nicht. Beide sind mit ihren Videos auf Tudou vertreten und haben die meisten Zuschauer. Wir treffen sie in einem Internetkaffee im Zentrum Shanghais. Während Feng uns sein in schwarzweiß gehaltenes, sehr temporeiches Video vorspielt, formen sich seine Lippen im Rhythmus der Musik. Es zischt aus seinem Mund wie aus einem Lautsprecher. Eine Fähigkeit, die Hiphopper Beatbox nennen. In schnellen Schnitten, mit Split-Screen und effektvollen Überblendungen sieht es sehr professionell aus. „Ich habe zum Frühlingsfest einen Film gedreht über die Hiphop-Kultur unter den jungen Leuten und bin für dieses Projekt nach Nordchina gegangen. Dort gibt es eine kleine Stadt, die ist nur ungefähr 40 km2 groß, aber man findet hier die beste Hiphop-Kultur Chinas. Ich will diese Kultur weiter bekannt machen. Dieser Film ist wahrscheinlich nicht der erste dieser Art. Aber es ist das erste Dokument bei tudou.“
Eddie Xu überlistet die Realität durch Videomontage.
Eddie Xu, genannt Didi, verblüfft sein Publikum mit Zaubertricks, die er mit der Kunst des Videoschnitts verwirklicht. Für ihn ist das eine Möglichkeit aus dem stressigen Großstadt-Alltag Shanghais auszubrechen:„Shanghai hat einen sehr schnellen Rhythmus. Man lebt hier, arbeitet hier, hat keine Zeit für Phantasie. Ich möchte die Menschen zur Kreativität anregen.“ Ich will in den Videos meine Sehnsüchte ausleben und die unmöglichsten Sachen wahr werden lassen. So versuche ich z. B. in meinen Videos auf verschiedene Art und Weise ein Getränk zu vermehren. Wie im Cartoon-Film, hat man die Gelegenheit etwa zu tun, was in der Realität nicht geht.“
Wir laufen mit Didi durch die Haupteinkaufstrasse Shanghais, die „Nanjing Lu“. Gerade hier wird uns klar was den 23jährigen Schnittkünstler dieses Bedürfnis nach seiner eigenen verzauberten Welt so sehr verspüren lässt. Wir sind umzingelt von einem flammenden Inferno bunter Leuchtreklamen. Eine 20 Meter große Coca Cola-Flasche blinkt besonders penetrant vor sich hin.
Konsumfreiheit bedeuet nicht gleich Meinungsfreiheit…
Kritik an Staat und Gesellschaft sind in China nur dann erlaubt, wenn das Ministerium für Propaganda dies zulässt. Chefredakteure erhalten in regelmäßigen Abständen ein Dossier, auf dem sie lesen, welche Themen tabu sind und wie weit sie bei anderen mit der Kritik gehen dürfen. Gelenkte Kritik. Der staatlichen Kontrolle können sich nur noch Blogger entziehen, deren Zahl auf ca. 34 Mio. geschätzt wird. Für politische Aktivisten ist das Internet der einzige Weg, um sich Gehör zu verschaffen. Man spricht auch von Tiananmen 2.0. Zeng Jinyan, Aidsaktivistin, hat es geschafft mit ihren bissigen Blog über Hausarrest in China internatonal Aufsehen zu erregen. Das Time Magazine hat sie kürzlich zu den 100 einflussreichsten Personen des Jahres gewählt. Eleni Klotsikas und Jörg Wagner haben die in Peking lebende Aidsaktivistin in Hong Kong interviewt.
Hong Kongs Skyline by night mit Lasershow!Der absolute Wahnsinn…
Sonderverwaltungszone Hong Kong, Überfahrt mit der Fähre zur Insel Lamma Island, entlang einer sehr beeindruckenden Wolkenkratzer-Skyline, die jeden Abend ein imposantes Licht- und Laser-Schauspiel bereit hält. Doch nicht touristische Attraktionen führten uns hierher. Hong Kong ist in der Volksrepublik China eine Medienoase. Die fast 100jährige britische Kronkolonie-Zeit ist auch zehn Jahre nach der Wiederveinigung mit China gerade hier besonders spürbar. Die Pressefreiheit ist formal und realtiv größer als im übrigen Land. Das Internet wird nicht gefiltert. Der eMail-Verkehr funktioniert normal und auch das Internetlexikon Wikipedia kann man störfrei nutzen. Anders als im übrigen China, wo tausende von Zensoren täglich Seiten sperren und eMails abfangen.
Die kleine Fischerinsel Lamma Island, beliebtes Urlaubsziel in Hong Kong.
Wir erreichen nach rund einer halbe Stunde, den Zufluchtsort von Zeng Yinyan aus Peking. Sie ist 23 Jahre alt und hat zusammen mit ihrem Mann Hu Jia die Organisation „Loving Source“ gegründet, um aidskranken Menschen in abgelegenen Dörfern Chinas zu helfen. Viele Aidakranke haben sich durch den Verkauf ihres Blutes angesteckt. Ein lukratives Geschäft, an denen Provinzbehörde, wie in die Henan beteiligt sind. Für arme Bauern ist das eine kleine Einnahmequelle. Da die Hygienevorschriften bei der Blutabnahme nicht immer eingehalten wurden, haben sich hunderttausende Bauern mit HIV infiziert. Ein Skandal, über den man in chinesischen Medien nicht gern berichtet.
Politische Aktivistin Zeng Jinyan schreibt an ihrem Blog.
Zeng Jinyan hat diese Themen im Internet veröffentlicht:„Meine Sorge gilt den Betroffenen. Ich möchte ihre persönlichen Geschichten erzählen. Ich hoffe, dass dadurch auch viele Nicht-Betroffene darauf aufmerksam werden, und verstehen was diese Menschen tagtäglich durchmachen. Sie wünschen sich ein besseres Leben für die Zukunft und wir sollten sie dabei unterstützen) Deswegen blogge ich darüber.“
Auch ihr Mann, der Menschenrechtsaktivst Hu Ja, ist im Netz aktiv.
Im vergangenen Jahr ist ihr Ehemann Hu Jia für mehrere Wochen in einem illegalen Gefängnis eingesperrt gewesen. Über das Internet hat sie eine Pressekonferenz für ausländische Journalisten organisiert. Nach seiner Freilassung wurden er und Zeng Jinyan immer wieder unter Hausarrest gestellt. Von seinem Fenster aus hat Hu Jia gefilmt, wie sie Tag und Nacht von Zivilpolizisten bewacht werden und hat daraus einen Dokumentarfilm gemacht.
Zeng Jinyan beim Interview.
Zeng Jinyan hat alle ihre Erfahrungen in ihrem Blog verarbeitet. “Es passiert meist folgendermaßen: Morgens, wenn wir das Haus verlassen, dann warten meist schon viele Leute unten im Hausflur. Es sind häufig muskulöse Männer, und wenn mein Mann Hu Jia oder ich an ihnen vorbei laufen möchten, dann stoppen sie uns und sagen, wir hätten heute nicht das Recht dazu das Haus zu verlassen und wenn wir fragen wieso dann bekommen wir meist keine Antwort, sie zeigen uns auch nicht wer sie sind und weisen sich aus. Sie sagen uns auch nicht, wie lange der Hausarrest gilt. Alles was sie sagen ist: wir haben eine Anweisung von unserem Boss.”
Zeng Jinyan zeigt mir ihr Blog.
Natürlich ist Zeng Jinyans Blog wie auch viele andere regimekritische Internetseiten in China geblockt. Doch inzwischen gibt es bestimmte Software, wie zum Beispiel Freegate, mit der Blogger in China die Blockaden ihrer Seiten umgehen können. Bisher hat es das Ministerium für Propaganda in China nicht geschafft, die Blogger mundtot zu machen. „Seitdem wir das Internet haben, stehen wir Aktivisten alle in ständigem Kontakt. Via E-mail, Skype, Msn oder Blog.“
Videoblog über die Begegnung mit Zeng Jinyan und Hu Ja auf Lamma Island.
Die Öffentlichkeit, die sie international, mit ihrem Blog geschaffen hat, ist das einzige Druckmittel, das sie hat, um nicht wie viele andere politische Aktivisten auch eines Tages im Gefängnis zu landen. Dafür nimmt sie ein Leben mit ständiger Verfolgung in Kauf.