“Dass Print langfristig ein Auslaufmodell ist, davon bin ich überzeugt.”
Okt 18
Interview mit Prof. Dr. Stephan Russ-Mohl vom European Journalism Observatory, Lugano am 04.06.2009 beim Europäischen Zeitungskongress in Wien
Eleni Klotsikas: Haben wir bald zeitungsfreie Städte in den USA? Wie schlimm ist die Situation wirklich?
Prof. Stephan Russ-Mohl: Noch gibt es keine Großstadt, die ihre große Tageszeitung ganz verloren hat. Es sind einige sehr große Zeitungen, von denen man das vor fünf Jahren nie für möglich gehalten hätte, im Insolvenzverfahren, darunter die Los Angeles Times, der Philadelphia Inquirer, die Chicago Tribune. Viele großen Zeitungen mussten ihre Redaktionen dramatisch abbauen. Einige Großstädte haben inzwischen ihre zweite Tageszeitung verloren. Die Verleger haben damit gedroht, dass es, wenn die Gewerkschaften nicht massiv nachgeben und drastische Lohnkürzungen in Kauf nähmen, in Zukunft keinen Boston Globe und auch keinen San Francisco Chronicle mehr geben wird. Im Grunde genommen warten jetzt in Amerika viele darauf, dass in einer Großstadt tatsächlich der große Tanker dicht macht.
EK: Was passiert dann? Wer tritt an die Stelle?
RM: Wahrscheinlich Gratiszeitungen. Durchaus das eine oder andere neue Printprodukt und sicherlich auch Online-Angebote, die sich dann auf irgendeine Art und Weise doch finanzieren lassen. Aber sie werden viel kleiner sein und sich von daher auch schwerer tun, ihre genuine journalistische Aufgabe zu erfüllen, nämlich nicht nur Pressemeldungen mit einem Mouseclick in Journalismus zu verwandeln, sondern die Mächtigen zu kontrollieren, die Augen offen zu halten für das, was schief läuft im öffentlichen Leben. Und dafür braucht man dann eben doch gut ausgestattete Redaktionen mit professionellen Journalisten. Wenn man die nicht hat, dann ist ein Stück politischer und demokratischer Kultur gefährdet – und zwar in einem Ausmaß, wie wir uns das im Moment noch nicht vorstellen können.
EK: Welchen Anteil hat denn die aktuelle Wirtschaftskrise an der Zeitungskrise?
RM: Ein erheblicher Teil der Krise ist wirklich strukturell bedingt. Die Leserinnen und Leser wandern scharenweise ins Internet ab, weil es dort alles umsonst gibt, was man gedruckt kaufen kann. Dazu kommt, dass die Zeitungen ja zum ganz großen Teil - in den USA noch viel stärker als bei uns – von Werbeeinkünften leben, und diese wandern mit den Publika ins Internet. Aber nicht etwa zu den Zeitungswebsites, sondern zu Google und zu den „Social Networks“, zum Beispiel zu mySpace, Facebook, so dass nur ein Bruchteil des Werbeaufkommens, das Zeitungen mit Printprodukten erzielt haben, über das Internet erzielbar ist.Insbesondere die Kleinanzeigen haben früher einmal für 40% der Einnahmen gesorgt. Und diese wandern auch ins Internet ab, wo man gratis inserieren kann. Und warum soll man dann noch, wenn man ein Auto, eine Wohnung oder eine Freundin sucht, eine Anzeige in der Zeitung bezahlen?Die aktuelle Wirtschaftskrise kommt dann noch dazu: So schrumpfen zum Beispiel die Stellenanzeigen, und viele Unternehmen sparen erst einmal bei der Werbung, bevor sie Mitarbeiter entlassen und andere schmerzliche Kürzungen vornehmen.Das bisherige Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr.
EK: Ist denn der Zug schon abgefahren, die Werbewirtschaft davon zu überzeugen, dass sie im Internet bei den Onlineausgaben der Zeitungen auch höhere Preise zahlen müssen?
RM: Im Internet herrscht Wettbewerb, auf vielen traditionellen Zeitungsmärkten – wenn auch nicht in Berlin – hatten die Verlage Monopolstellungen und konnten somit hohe Preise durchsetzen. Im Internet können Suchmaschinen aber auch der werbetreibenden Wirtschaft viel besser als Zeitungen wirklich die Zielgruppen anbieten, die sie haben will und denen sie ohne Streuverluste ein Produkt anpreisen möchte. Suchmaschinen haben dabei einen enormen Vorteil. Dort geben Sie beispielsweise das Wort „Cabriolets“ ein und dann kommen eben alle Websites, die sich aktuell mit Cabriolets beschäftigen. Die Autoindustrie hat dann die Möglichkeit, gezielt bei dem Interessenten zu werben, der gerade dieses Stichwort eingegeben hat. An dieser Stelle müssen Zeitungen eben noch innovativer werden.
EK: Suchmaschinen vernichten also die Zeitungen?
RM: Die Suchmaschinen leben auf der einen Seite von den Nachrichten und den Angeboten, die die Zeitungen ihnen zuliefern, und auf der anderen Seite tragen sie im Moment sicherlich dazu bei, dass die Zeitungen finanziell in Schwierigkeiten geraten sind. Google kassiert momentan knapp die Hälfte des Onlinewerbekuchens selbst, und das fehlt dann den traditionellen Zeitungen in ihrem Budget.
EK: Das Wallstreet Journal hat es doch auch geschafft, im Internet Geld zu verdienen. Mit Online-Abos. Können andere Zeitungen mit diesem Geschäftsmodell nicht nachziehen?
RM: Das Wallstreet Journal ist immer noch die Ausnahme unter den großen Zeitungen. Das hat sicherlich damit zu tun, dass es eine Wirtschaftszeitung ist. Es bietet seinen Lesern, z.B. Managern und Bankern geldwerte, unverzichtbare Informationen, die sie für ihren Job benötigen. Das wissen alle. Also zahlt die Klientel auch für ein Online-Abo. Das ist anders bei Lieschen Müller, die im Internet aus Tausenden anderer Quellen wählen kann. Ihre Zahlungsbereitschaft ist entsprechend niedriger. Die spannende Frage ist jetzt, gelingt es solchen Zeitungen wie der New York Times, die Leute davon zu überzeugen, dass sie doch wieder etwas bezahlen müssen, auch wenn sie das Angebot nur Online nutzen. Das ist im Moment eine Diskussion, die seit ein paar Monaten hoch schwappt.
EK: Wird den Zeitungen in Europa nicht irgendwann das gleiche Schicksal ereilen wie in den USA?
RM: Es wäre töricht, davor die Augen zu verschließen, dass das Internet auch bei uns weiterhin an Bedeutung gewinnt. Auf der anderen Seite gibt es in Amerika Entwicklungen, die sich sicherlich nicht genauso bei uns wiederholen werden. Die aktive Bloggerkultur, die Partizipation der Bürgerjournalisten, die auch das Informationsmonopol der Zeitungen in den USA gekippt haben, ist etwas, was ich mir in vergleichbarem Ausmaß in Europa schwer vorstellen kann. In Amerika gibt es auch seit 20 Jahren so etwas wie Talkradio, wo viele Hörer begeistert tagtäglich im Radio mitquatschen. Das hat sich bei uns nicht durchgesetzt. Da gibt es schon kulturelle Differenzen, und die spielen dann auch bei der Mediennutzung eine Rolle. Aber dass Print langfristig ein Auslaufmodell ist, davon bin ich überzeugt. Elektronische Bildschirme, elektronisches Papier, das man in seine Jackentasche stecken kann, das man falten kann, so wie Zeitungspapier, ist inzwischen fast serienreif. Und so wie heute kein Mensch mehr mit einem Schnurtelefon telefoniert, sondern wir alle unsere Handys benutzen, werden wir wahrscheinlich auch in ein paar Jahren mit neuen elektronischen Lesegeräten hantieren. Insofern wird sich mit dem nächsten Technologieschub, der bereits absehbar ist, neuerlich eine Menge verändern.
Das Interview erschien in einer kürzeren Fassung am 8. Juli 2009 in der Berliner Zeitung
